13 January 2014

Sonnensehnsucht Spanien

Wieder geht es in die Ferne, diesmal mit meiner Frau Mima. Wir sind mit "voller Ausrüstung" unterwegs: Fahrräder, Musikinstrumente (zwei Akkordeons), Noten, Karten, Kamera, Computer. Die Reise kommt langsam in Schwung, langsam wie der Text. Die erste Etappe bis Überlingen an den Bodensee bei strahlender Sonne strengte Mima an: Kopfweh.


 
Der Ammersee bei Sonnenschein: Ein solch schöner, warmer Januartag macht es uns fast schwer, aus dem warmen, aufgeräumten, gemütlichen Heim in die ferne Fremde aufzubrechen.
 
 
Nach einem ruhigen, sonnigen Mittagsmahl spazieren wir am Ufer des Ammersees. Es fehlt dem See viel Wasser.
 
 
Auf festem Kieselstrand lustwandeln wir am Seeufer entlang. Es liegt zwar noch ein weiter Weg vor uns. Doch wo es gut ist, da bleiben wir besser.
 
 
Besser als Fernsehen, Zeitungen und Internet ist die reale Welt auf Reisen allemal. Der Fön zeichnet die Struktur der Alpen klar am Horizont ab. Wildgänse werfen im Tiefflug ihre Schatten am Ufer voraus, bevor wir sie im sanften Gleitflug über uns hören, dann sehen und die Vögel mit einem galanten Schwenker auf dem Wasser landen.
 
 
Mein Mosern und Meckern bei SPON in Online-Briefchen bedient schon die allgemeine und fast einhellige Meinung der Foristen. Den Redakteuren in den Print-Medien stinkt ihr Job, fast ständig unter Stress und drohender Entlassung, die Praktikanten, welche bei SPON Leserbriefe freischalten oder zensieren, sind noch weniger zu beneiden. Solange uns Rentnern der Körper keinen Strich durch unsere Vergnügungen macht, versucht meine Freundlichkeit, mein Lachen die hart arbeitende Bevölkerung, welche auch mir dient, zu motivieren. Doch je mehr Menschen wie in meinem Stil meckern und mosern, umso weniger interessiert mich meine Mitarbeit als Forist bei SPON. Bei den Vorbereitungen zu Reise und auf Reisen selbst, bleibt ohnehin kaum Zeit zu unentgeltlicher Mitarbeit als Forist bei SPON.
 
 
 
Bis zum Bodensee chauffiert Mima mit großer Geschicklichkeit. Dann müssen wir die Reise unterbrechen, da ihr Kopfschmerzen zu schaffen machen. Ein Gleis in Kressborn führte einst zu einer Schiffswerft, die direkt am See liegt. Doch jetzt fährt kein Zug mehr nach Nirgendwo. Nur die Gleise liegen fest verschraubt auf ihren Holzbohlen. Die Schienen scheinen wie angewachsen, bis die Rohstoffpreise den Raub der rostigen Alteisen lohnen.
 
 
 
 Meine liebe Mimamai schläft sich gesund. Mit dem Summen der Gasheizung - mehr jedoch mit ihrer Wärme - und den 1,5 KWatt/Stunden für 50 Cent am Wohnmobilhafen in Überlingen - lässt sich gut in der Nacht bei Wein und viel, viel Ruhe über die Zeit sinnieren. Als Reisekamera bereichert mich nunmehr eine Lumix DMC-TZ41 für den bescheidenen Preis von 259 Euro. Die Preisempfehlung von 399 Euro hat Panasonic nicht lange durchhalten können. Das 6,3 MByte schwere PDF-Handbuch hilft, das technische Gerät zu verstehen. Dazu gehört es allerdings, 314 Seiten dieses Handbuches gewissenhaft zu studieren. Ob sich mit der GPS-Funktion allerdings Koordinaten in die Fotos einblenden lassen, bleibt mehr als fraglich.
 
 
Bücher verlieren an Wert. Die "öffentliche Bibliothek" braucht keinen Bibliothekar. Gegen die Konkurrenz von Internet, Fernsehen und Computer-Spielen verlieren Bücher den sich mühenden Leser. Mir selbst geht es ja ähnlich.
 
Das Thermometer fällt in Überlingen in der Nacht gegen den Gefrierpunkt. Der Stellplatz am Eingang der Stadt verwöhnt uns mit Strom. Ein Bus fährt uns in die Stadt. Der Fahrpreis ist  mit der Stellplatz-Gebühr von sechs Euro bezahlt.
 
 
Die Nixen heben ihre Beine, die im Flossenschwanz münden. Ein Reiter nutzt die Brücke über den Flossen in der Höhe. Der Bodensee versinkt im Nebel.
 
 
Nah an der Frostgrenze saß der junge Mann abends im Klappsessel mit zwei Flaschen Bier an diesem 917er. Es sei einer der letzten dieser Allrad-Laster, gebaut im Jahre 1993. Mit 20 Litern Diesel kommt er etwa 100 Kilometer weiter. Doch derzeit nutzt er das Gefährt als Wohnung, während er in Überlingen ein Praktikum abreißt. Generation Praktikum, überaus flexibel und hoch motiviert.
 
 
Für Hotelgäste überbrückt der Unternehmer die Uferpromenade zum See. Andere baden im öffentlichen Strandbad hundert Meter weiter.
 
 
Rentnerruhe am Titisee in der frühlingshaften Januarsonne: Die BILD-Zeitung blödelt: "Arzt (83) aus Rente geholt". Das reicht mir wieder an BILD-Botschaft für die nächste Zeit.
 
Mit vollem Tank und neuer Gasflasche rüsten wir uns für die Weiterfahrt. Nachts fällt bei Regen die Stromversorgung am Stellplatz in Freiburg aus. Die Aufregung ist naturgemäß groß. Ohne Netzversorgung, kein Heizlüfter. Ob das 95 Watt-Höchstleistung Solarmodul die beiden Bordbatterien ausreichend versorgt für lange Nächte am Rechner, ist fraglich. Also ist Netzstrom zeitweilig ein Muss. Eine Nachprüfung ergibt dann, dass Kabel wie Einspeise-Dose im Auto funktionieren. Anscheinend hat der Regen in Freiburg am dortigen Stellplatz die Versorgung außer Betrieb gesetzt.
 
 
Frankreich ist übersät mit Helden-Gedenkmälern. Die Sonne verwöhnt uns wieder. Unsere Fahrt endet nach aufreibender Stadtdurchfahrt durch Besancon im idylischen Weinort Arbois.
 
 
 Arbois: Ein idyllischer Nachtplatz vor der Kirche. Wenn wir durch die Dachluke schauen, zeigt uns die Kirchturmuhr die Zeit. Es ist bei der Aufnahme mit der sich färbenden Sonne 16.50 Uhr.
 
  
Die Sanitäranlagen in Arbois am Marktplatz und unter der Kirche sind in gutem Zustand.
 

 
Nachdem wir etwa 160 Kilometer von Arbois auf Straßen dritter und vierter Ordnung bis Mittag hinter uns gebracht haben, finden wir bei Lyon am luxuriösen Campingplatz Indigo Lyon in 69570 Dardilly allen erdenklichen Reiseluxus: Warme Duschen, Strom, WiFi und eine gute Bus- und U-Bahn-Verbindung ins "Alte Lyon".
 
 
Immer wieder begeistert mich, Mima mittlerweile auch, das "Klerikale Disney-Land": Hier mit der Kirche "St. Jean" hoch über der Stadt.
 
 
Einst erfreuten sich die Römischen Sklaventreiber und Landausbeuter auf dem Hügel über Lyon an ihren Schaustellern. Heute dient die "St. Jean", die Klerikal-Kultur aus dem mittelalterlichen Disney-Land der beschaulichen Besinnung und der Unterhaltung.
 
 
Der Blick vom "Heiliger Berg" mit der Klerikal-Kult-Kirche "St. Jean" zeigt Lyon zu beiden Ufern der Saone.
 
Die Abfahrt aus dem nebligen, kalten Lyon gibt Grund zu Streitigkeiten. Mich drängt es danach, so schnell wie möglich das noch kalte Frankreich gegen den warmen Süden Spaniens zu tauschen. Mima will noch Barcelona und die Küste erfahren. Mir dauert das zu lange. So geht es unter einigen Schwierigkeiten dann doch nach Albi. Zum Glück verlassen wir das neblige Rhone-Tal und genießen viel Sonne auf der Fahrt in die Region Midi-Pyrenäen. Einige Schneereste sind noch in der Höhe von über 1100 Meter zu sehen. Doch die Warnungen vor Glatteis können wir beruhigt außer Acht lassen. Denn die niedrigste Temperatur verzeichnet das Autothermometer außen mit einmal zwei Grad Celsius über Null. Die Mittagspause an einem lauschigen, einsamen Ort nach etwa dem halben Weg gibt uns langsam den Frieden wieder. Um 16.15 Uhr haben wir die 384 Kilometer von Lyon bis Albi geschafft. Wir genießen den Sonnenuntergang in dem riesigen Gemäuer, welches mich - genau wie schon in vorigem Januar - wieder erneut erstaunt. Das Klerikal-Museum mit der Schatzkammer kann man sich allerdings sparen. Wie beim Nauburger Dom ist das gewaltige Kirchenschiff geteilt in einen Raum für das Volk und eine kleine, abgeteilte, feine "Festung" für die "Noblen" - die polit-priesterlichen Eliten.
 
 
Am meisten Spaß macht mir der Stellplatz unter der Kathedrale von Albi. Von dort geht ein kurzer Weg zur Markthalle mit brauchbaren Sanitäranlagen. Sehr nützlich ist das Kaffee am Parkplatz, welches WiFi mit brauchbarem Datendurchsatz gewährt. Hier lässt sich über das Internet die weitere Strecke hervorragend planen, auch wenn man nicht alle notwendigen Reise- und Campingführer mit sich schleppt.
 
 
 
Vier Flügel mit Armen und Beinen: Wer bei dem Klerikalkunstwerk keine Göttliche Schutzmacht fühlt, denkt vielleicht an eine Spinne. Auch diese Organismen verfügen über acht Gliedmaßen wie der Engel.
 
 
Das Gute an den Klerikalen Kunsthallen ist, dass ihr Besuch zu beschaulichen Ruhe und Einkehr nicht mehr braucht, als einzutreten, sich zu setzen, inne zu halten, zu schauen und zu staunen. Zudem sind diese Werke weniger CO2 schädlich als die Vergnügungen heutiger Massenveranstaltungen, die sich im Düsenjet an sogenannte Urlaubsparadiese katapultieren lassen - oder mit der "Walkuh" tausende von Kilometer durch Wald und Flur dieseln.
 
 
 
Auf des Kirchturm hoher Spitze kämpft der Engel mit dem Wurm. Bei dieser Szene siegt immer der Engel. So unterscheidet sich Werbung von Wirklichkeit.
 
 
Weihnachten ist vorbei. Am Samstag, den 11. Januar, steht verlassen und seines grünen Nadelkleides beraubt, einsam der kümmerliche Rest vom Fest auf der Altstadtstraße in Lyon.
 
 
 Der Justizpalast in Lyon erinnert an das "Haus-der-Kunst" in München, welches sich der "Führer" in kürzestes Frist an den Rand des Englischen Gartens klotzen ließ.
 
 
   Die Kunst schlägt Brücken zu den verlorenen Gefühlen wie dem Mitleiden mit der Not des Mitmenschen. Doch dies Kürzel "mit"-einander geht unter im Zynismus des "gegen"-einander.
 
 
 
Ähnliche Aufgabe soll auch diese mittelalterliche Skulptur aus dem Domschatz in Albi erfüllen.
 aus dem Domschatz in Albi erfüllen.
 
 
Doch es ist ein harter Weg von Lyon nach Albi, 384 Kilometer. Zwar sind die Straßen gut ausgebaut, doch immer wieder hindern Ortsdurchfahrten und zahllose Kreisverkehr-Anlagen den Fluß. Dafür fährt mich Mima, was mir dies Bild von Le-Puy-en-Valey" erlaubt. Statue und Kirchen auf den Felsen ragen gewaltig übers Land hinaus.
 
 
Bei der Mittagspause zwischen dem Kirchlein und Friedhof irgendwo abseits der Hauptstraße auf dem Land erfreut uns strahlender Sonnenschein.
 
 
Das monumentale Kirchengebäude von Albi begeistert mich am meisten, wenn die untergehende Sonne die roten Backsteine erglühen lässt.
 
 
In der Kirche St. Jean von Albi
 
 
Der Domschatz von Albi mag dokumentieren, dass zwischen Locken- und Toten-Kopf nur eine kurze Spanne Lebenszeit liegt.
 
 
Diesen Teil des Kirchenschiffs in St. Jean ist nur gegen Gebühr zu besichtigen. In früheren Zeiten war dieses Drittel den Honoratoren vorbehalten, die im Chorgestühl sich gegenüber saßen.
 
 
Die untergehende Sonne verwöhnt uns noch in Albi. Anderntags geht es Richtung Toulouse, dann über den 2400 Meter hohen Paß in Andorra.
 
 
Hier sind wir noch in etwa 2000 Meter Höhe. Doch weil immer noch LKW auf der Passstraße fahren, sind auch wir zuversichtlich, heil über die Höhe zu kommen. Im Schneetreiben tummeln sich in Gipfelnähe noch Skifahrer.
 
 
Die Zahl links unten im Navi dokumentiert die Passhöhe: 2407 Meter. Schneetreiben und fehlende Parkbuchten ließen uns unverzüglich wieder abfahren.
 
 
Souverän meistert Mima die schwere Passstrecke im Schneetreiben. Doch auch als Beifahrer kostet die Fahrt Nerven.
 
 
Geschafft! In 1600 Meter Höhe logieren wir mit Strom und Internetverbindung. Mima schüttelt schon die Kopfkissen aus für die Nacht. Zuvor kocht sie Suppe, übt etwas auf ihrem Akkordeon. Mir macht die Gaststube am Campingplatz mit Blick auf Fernseher und Holzfeuer im Ofen auch viel Freude.
 
 
Beim Gang durch diese Gasse muss man sich dünn machen.
 
 
Wir bewundern im Ort die Mischung von neuen und alten Gebäuden. Noch fristet die Weihnachtsdekoration ihre letzten Tage vor der hoffentlich nun bald wärmenden Sonne Spaniens. Jedenfalls hört man vom Fernseher schon spanisch.
 
 
 
 

1 comment:

Zackrade said...

Ich beneide euch, EUCH gehts echt gut!

Weniger "Weltschmerz" kann gesund machen ;-)