26 August 2014

Strakonice - Tabor - Ceske Budejovice

Je mehr Zeit, zehn Tage, in Tschechien verbracht, umso mehr wächst die Liebe zu Land und Leuten. Wer Wald, Wasser, Wiesen und Einsamkeit liebt, der fühlt sich in Tschechien wohl. Zudem ist der Weg nicht weit von München. Die Preise sind moderat. Die Menschen sind fröhlich und freundlich. Radtouren wechseln sich mit Museen- und Kirchenbesuchen ab.


Die nächste Radtour führt von Steken nach Strakonice. Diese Stadt liegt flußaufwärts an der Otava. Die Sonne saugt die Nebelschwader am Camp Steken neben dem Fluß auf. Der Deckel zerrt an Frauchens Leine und bellt mich wütend an. Der Dackel bellt auf meinem Weg zum COOP. Der Dackel bellt auf meinem Weg vom Coop. Der Dackel bellt als meine Radtour beginnt. Frauchen hat die Zeit mit ihren Nachbarinnen verplaudert. Eine davon pflückt die ersten reifen Pflaumen vom Baum an der Straße.


Truthähne und Truthennen mästen sich feist und fett für's große Fressen - besser "Gefressen-Werden". Häufig sieht man Gänse auf den Wiesen, Enten quaken zuhauf am Wasser. Junge Knaben stehen geduldig am Wasser mit einfachen Angeln. Durch die weiten Wälder ziehen Frauen, deren Körbe schon voller Pilze sind.


Der alte Trecker tuckert voll röhrend die leichte Steigung hinauf. Der Beifahrer öffnet weit die Tür, lehnt sich hinaus, weist den Fahrer an, dass die Hauptstraße frei ist. Im Hintergrund steht die Statue einer Dame. Die Lampenmasten tragen Druckkammerlautsprecher. Nachmittags schallt daraus Musik mit Werbebotschaften durch das ganze Dorf.


Preborovice - man muss das Dorf nicht kennen, aber es spricht sich so schön. Außerdem hängen  hinter dem Gartenzaun dicke Tomaten an den Sträuchern. Bald sind sie reif für die Ernte.


Die teilweise uralten Gebäude beschreibt ein Prospekt als "Bauernbarock". Obgleich Steken wie mein Ziel  Strakonice am Fluß Otava liegen, muss mein Weg mal wieder über eine hüglige Bergstrecke führen.


Dafür bietet sich ein schöner Blick von der Höhe auf Strakonice. Jeder neuer Ort birgt wieder kleine Abenteuer und Sehenswürdigkeiten.


Kirche und Burg von Strakonice liegen nahe am Fluss Otava. Den Burgturm im Hintergrund schmückt die tschechische Fahne.


Der Fahnenschmuck am Burgturm verrät ein Fest. Zum Fest sind zahlreiche Buden aufgebaut. Vor dem Burghof führt der Glasbläser seine Fähigkeit vor. Verkaufsstände bieten Köstlichkeiten und Produkte aus der Gegend.


Kreisel für den Weihnachtsmarkt sowie ein edler Rotwein bereichern mein Reisegepäck. Die Flasche trägt ein Siegel, welches geöffnet weitere Produktmerkmale sowie die einzelne Nummerierung der Flasche verrät.


Strakonice überrascht mich mit dem 21. Dudelsackpfeifer-Fest. Die Produktion von Dudelsäcken hat eine lange Tradition in Strakonice. Die Handwerker schaffen aus Leder, Metall, Holz und Knochen wahre Wunderwerke zur Tonerzeugung.


Der alte Mann bläst seinem Dudelsack Luft aus einem Balg ein, den ein Zicklein-Kopf schmückt.


Das Museum in Strakonice stellt neben Vitrinen voller Dudelsäcke auch sakrale Kunst aus.


Bevor der Betrachter beim Anblick von dem Gekreuzigten auf trübe Gedanken kommt, heitert ihn eine paradiesische Völlerei wieder auf.



Die Treppe zum Burgturm ist so eng, dass sich darauf keine zwei Person begegnen dürfen oder können.


Beim Blick vom Burgturm auf den Fluß Otava in Strakonice fallen sofort wieder die Wasserwanderer in ihren Kanus auf.


Mit Bedacht führen die Kanuten ihr Boot an einem Seil, dass es ihnen an der Steigung nicht entgleitet.


Diese Maschine hat keine Hinterradschwinge. Dafür ist der Sattel umso besser gefedert. Besonders kunstvoll schlängelt sich die Benzinzuleitung vom Tank zum Vergaser.


Sehenswert ist auch das auffällig tätowierte Haupt dieses Besuchers.


Dieser Musikant pumpt den Blasebalg mit starkem Arm auf, um mit prallem Luftsack zu dudeln.


Damit enden zwei wunderschöne Radtouren von Steken nach Pisek und nach Strakonice. Das Camp Otava am gleichnamigen Fluss ist wärmstens zu empfehlen. Hier die Koordinaten: N 49° 15' 55.8'' O 13° 59' 48,3''



An dieser Brücke in Temesvar haben die Amerikaner im Mai 1945 die deutschen Soldaten auf ihrem Rückzug vom Osten in den Westen aufgehalten. Als dann die Russen vom Osten nachgerückt waren, um die deutschen Soldaten in Kriegsgefangenschaft zu nehmen, haben sich die Amerikaner wieder hinter ihre Demarkationslinie zurück gezogen. Der Fluß heißt Vlatava - Moldau.


Mir hat die Strecke von Steken nach Tabor gereicht - immerhin 60 Kilometer. Wieder führten mich die Angaben zum ATC Malý Jordán in die Irre. Obgleich der Platz eine fulminante Web-Site aufweist, halfen mir weder Straßen- noch Koordinaten-Angaben zu dem Autocamp. Hier meine Werte vom Garmin: N 49° 26' 05'' und O 14° 40' 00''. Tabor ist eine historische Stadt mit dem tschechischen Volkshelden und Reformator Jan Hus. Der versuchte 100 Jahre vor Luther, die Kirche zu reformieren. Anmerkung am Rand: Konstanz ist Partnerstadt von Tábor. In Konstanz wurde Jan Hus als Ketzer verbrannt, obwohl ihm freies Geleit zugesichert war.


Die mit kunstvollen Fassaden verzierten Bauwerke ziehen mich in ihren Bann.


Tábor beschäftigt mich einen vollen Nachmittag: Links gilt zuerst mein Besuch dem "Hussite Museum". Von dort geht es durch unterirdische Gänge in einem beschwerlichen Marsch unter dem Markplatz entlang. Abschließen sollte man es nicht versäumen, sich vom 50 Meter hohen Kirchturm rechts einen Überblick über die Stadt und Gegend zu verschaffen.


Die Hussiten beherrschten als Machtzentrum Tábor bis 1434. Die musealen Exponate belegen, dass die Tschechen immer in schweren Zeiten sich auf Jan Hus und seinen Widerstand besonnen haben. Beispielhaft in der Nazi- wie auch der kommunistischen Besatzungsperiode. Die Statue erinnert an den legendären Hussitenheerführer Jan Zizka von Trocnovt.


Auf Schritt und Tritt nahezu findet man überall, wohin man fährt, Erinnerungen an Schlachten, Vertreibungen, Gemetzel, Kriegerdenkmale und -friedhöfe. Die Museen zeigen im geschichtlichen Rückblick, was die Nachrichten mittlerweile laufend aktuell bringen.



Das Museum ist darauf angelegt, den hussitischen Kampf in frischer Erinnerung zu halten.


Die Bronzebüste des kampferprobten Heerführers Jan Ziska zeigt einen Mann, der keinen Widerspruch duldete.


Die Replik eines dreiflügeligen Altarbildes zeigt an jeder Seite die Todesarten von vier Märtyrern. Auf der rechten Seite unten steht Jan Hus in einem Holzstoß, welcher gleich entzündet und ihn verbrennen wird.


Im zweiten Stock des Hussiten-Museum glänzt die größte gotische Halle, welche in Böhmen gebaut wurde.


Nun geht meine Wanderung in der "Unterwelt" weiter: Viele der unterirdischen Gänge sind in Tabor wieder freigelegt. Dort lagerten im Mittelalter Vorräte bei einer gleich bleibenden Temperatur von sieben Grad. Auch Bier. Allerdings sollen in einigen Kammern Frauen verschlossen worden sein, um ihre Geschwätzigkeit und Zankerei zu strafen. So erzählt die Museumsgeschichte.


Nach meinem anstrengenden Ausflug in diese glitschige Unterwelt, die man in 1,40 Meter hohen Gängen nur gebückt und mit Helm bewältigen musste, geht es 50 Meter höher. Der Blick vom Kirchtum zeigt das Staubecken Jordan. Dieses wurde 1492 als Trinkwasser-Becken angelegt. Heute erholen sich die Menschen an dem Teich.


Das dreigiebelige Dach hält das Hussitischen-Museum trocken. Beachtlich ist auch der Marktplatz, ein Zentrum mittelalterlichen Handelns und Wandels. Unter der Kirchturmspitze sieht man noch eine Entlüftung für das Dach der Kirche.


Mit diesem Blick auf ein eindrucksvolles Gebäude endet mein anstrengender Besuchsnachmittag in Tabor.


Da Tabor zwar viel Geschichte, mehr noch Regen und null Internet bietet, geht es nächsten Tag schon wieder 60 Kilometer weiter: Ceske Budejovice, Budweis, zeigt mit etwa 100.000 Einwohnern großstädtisches Flair. Doch der Lärm der Großstadtstraßen nervt nur, wenn sich kein ruhiges Camp finden lässt. Doch es lässt sich finden!



Zum Glück brachte das Navi mit dem Eintrag "Stromovka" mich so weit, dass dort Schilder auf den komfortablen Platz Dlouhá Louka Stromovka mich lotsen. Strom, Internet, ein Schwimmbad, beste Sanitäranlagen, ein Einkaufkomplex "Kaufland" in nächster Nähe und fünf Minuten mit dem Rad zur Altstadt ist alles, was der Reisende braucht. Neben mir schlafen Polen im Auto Renault Kangoo, Holländer haben sich eine Zeltstadt errichtet. Aus England kommen Familien mit Kleinkinder, die geräumige Zelte aufbauen. Ein junges, italienisches Paar schläft im Dachzelt auf ihrem Fiat-Punto, einem Kleinwagen. Bis auf das monotone Brummen der Rasenmäher ist der Platz ideal. Also auf nach Budweis, zum ersten Stadtbummel:






Diese vier Bilder zeigen die Altstadt von Budweis. Am großen Marktplatz beeindrucken Rathaus, Brunnen und der Schwarze Turm. Im Prospekt ist zu lesen:

Abendsonne auf einem Haus am Marktplatz


"Der regelmäßige Grundriss der königlichen Stadt mit einer Vielzahl wertvoller sakraler und weltlicher Bauwerke, dessen Zentrum der mehr als ein Hektar große quadratische Hauptplatz bildet, gehört zu den Höhepunkten des mittelalterlichen Urbanismus."







Wie schon in Tabor und an unzähligen anderen Orten gehört die Turmbesteigung zu meinem Muss. Die Tonnen schweren Glocken sind zum Glück außer Betrieb. Der Weg auf die Turmspitze führt unter einer dieser  Glocken hindurch, was nur im Kriechgang zu schaffen ist.



Der St.-Nikolaus Dom zeigt sakrale Kunst in vergoldeter Kanzel und einem Licht durchfluteten Seitenaltar.


Neben dem Salzhaus residiert ein Museum, welches historische Motorräder ausstellt.


Diese Rennmaschine aus dem Jahr 1901 hat schon die gewaltige Strecke Paris-Wien bezwungen. Wie auch immer die Lampe ihr Licht erzeugt hat, es war kein elektrisches Licht.


Der Motorblock dieser gewaltigen NSU aus dem Jahr 1923 lässt die Zündkerzen sehen, welche in beiden Zylinder eingeschraubt sind.


Das Dominikaische Kloster mit der Kirche Mariä Opferung lädt auf einem stillen Kreuzgang zu besinnlichen Gedanken.


Nach der gestrigen Gewalttour im Auto über 60 Kilometer steht heute wieder eine geruhsame Radtour an. Es geht den Fluss "Vltava" (Moldau) hinauf. Keine 150 Kilometer weiter nördlich ist die Moldau bei Prag zu einem gewaltigen Strom angeschwollen. Das wundert nicht in Tschechien. Denn von allen Seiten laufen Flüsse und Bäche zusammen. So auch in Budweis: Dort vereinigen sich die Flüsse Moldau und Maltsch.


An diesem lauschigen Winkel bei Borsov nad Vltavou endet mein Radausflug Moldau stromaufwärts. Eine Unzahl von Forellen tummelt sich in der braunen Badebrühe, einige etwa 30 Zentimeter groß.



Fisch und Fleisch bietet die tschechische Gastronomie allerorten. Vegetarier müssen sich mit gebackenem Käse, Kartoffeln und Gemüse begnügen. Doch diese kleine Fachgeschäft bereichert meine Speiseplan mit Soja-Produkten, wonach man in dem Kaufland-Komplex vergeblich forscht.


Medial über Satelliten-Empfang mit vielen Sendern verbunden, Russia Today, BBC, CNN, Al Jazeera, deutsche Programme. 166 Radio-Sender kommen auch über die Satelliten-Antenne. Wenn es WiFi am Camp gibt, gibt es Internet - schnell und fehlerfrei. Doch mir bleibt nichts übrig, als mich der gängige Meinung der Kommentatoren anzuschließen: "Die Welt ist aus den Fugen."






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