09 March 2012

Essaouira - Agadir

Die Straße windet sich von Essaouira nach Agadir über Berg und Tal. Die Palmen wedeln im Wind, der ab Nachmittag zum Sturm auffrischt. Die Sonne brennt auf das Autodach, doch durch den kleinsten geöffneten Spalt dringt unaufhaltsam feiner Sand und Staub in den Wagen. Erholung ist das keine.



Die Walkuh parkt in Essouira am Atlantik, vor dem Auto Dromedare, Sand, Wellen und viel, viel Wind.

Langsam sind wir nach zwei erholsamen Tagen in Essouira Richtung Süden gefahren. Nachdem Mima am Strand von Essouira am Vormittag noch geritten war, sind wir nach dem Essen keine 40 Kilometer weiter gefahren. In Sidi Kaouki erholen wir uns in Dorf am Meer. Alte Kifferidyllen wie in Goa gehen mir durch den Sinn, als wir uns das Nest näher ansahen.



Das stattliche Gebäude in Sidi Kaouki erinnert mit bunten Farben und fantasievoller Architektur an alte Urlaubsträume in Goa.



Es gibt kaum Arbeit in Sidi Kaouki. Ein hungriger Hund weicht uns nicht von der Seite. Die vegetarische Tajine am Abend mit Pommes Frites liegt lange schwer im Magen.

Touristen sollen oder dürfen nicht wild in der Landschaft stehen und campieren, doch manche halten sich nicht an das Gebot. Abends rollte eine geführte Truppe von etwa acht bis zehn Fahrzeugen auch noch auf den Campingplatz. Dort hinter der Umfriedung unter schattigen Bäumen erinnert das Leben an Urlaub aus dem Bilderbuch. Doch im Dorf weht und weht wüst der Wind, der Staub und Plastik wie Fahnen aufstellt. Es ist nicht warm im Schatten, maximal 16 Grad. Doch wenn das Auto ohne schützenden Schatten im staubigen Wind steht, steigt bei geschlossenen Fenstern und Dachluken innen die Temperatur schnell auf 30 Grad. Kein angenehmes Klima im Wagen, wenig schön auch draußen der Wind. Zudem bedrückt mich die Armut der Menschen, eine Armut, die durch nichts zu ändern ist - wohl auch nicht durch Rebellion oder Revolution. Das steinige Land ohne Schatten im sandigen Sturm bietet wenig, was sich verkaufen lässt, außer Tee und Tajine an Touristen.



Der traumhafte Strand bleibt nahezu menschenleer. Das für Touristen gesattelte Dromedar führt der Reiter auf dem Esel in seinen Stall. Wenn die Sonne sinkt, ist sein Geschäft ohnehin gelaufen.



Die Küstenstraße etwa 10 Kilometer im Innern des Landes ist traumhaft schön. Sie windet sich als anmutige Kurvenstrecke über Berge mit Bäumen und Tälern mit Gras.



Imsouane liegt etwa 300 Meter unter uns. Wir kommen auf dieser Küstenstraße wiederum nicht weiter als 40 Kilometer. Vor dem Mittag noch stehen wir in dem unten liegenden Dorf.



Ein Platz mit Meerblick könnte so schön sein. Doch noch vor dem Essen stellen wir uns eine Etage tiefer, um uns vor dem staubigen Wind besser zu schützen.

Von einem kühlen Bad im Meer kann man nur träumen. Die Wellen schlagen mit böser Wucht an die Felsen. Meterhohe Fontänen sprühen bei jedem Wellenschlag in die Höhe. Nicht einmal junge Leute, die mit alten Autos frei im Dorf stehen, wagen sich mit ihren Surfbrettern in die gischtigen Fluten. Die Menschen im Dorf scheinen wie auf Sparflamme zu leben. Kaum einen Menschen sieht man in den zugigen Gassen.



Wer genug Geld hat, baut sich eine Fernsehantenne auf das Dach seiner fast fensterlosen Hütte. Denn wer hier Jahre lang wohnt, kennt bald jeden Stein. Doch im Fernsehen kommen jeden Tag neue Fußballspiele.



Etwa zehn Männer schieben das schwere Holzboot auf einen anderen Platz im Hafen.



Wer in den peitschenden Atlantikwellen mit den einfachen Holzbooten Fische fängt, verdient sich ein überaus hartes Brot.



Die Fischer in Imsouane leisten sich kein Minarett für ihre Moschee. Der Ruf des Muezzin dröhnt aus dem Druckkammerlautsprecher vom Eisenrohr.



Um aus dem gewundenen Eisengeflecht Anker zu formen, sind gezielte Schweißpunkte gesetzt.



Der Landwirt besitzt neben dem Esel am Haus auch noch einige Hühner mit Hahn.

Der Wind zwang uns dazu, fast alle Luken im Auto zu schließen. Draußen der Wind, im Auto die Hitze, beides unerträglich für meinen Kopf. Die übliche Reaktion: Kopfweh dreht den Magen um. Doch auch nach einer schweren Nacht kommt wieder ein neuer Tag. Die 50, 60 Kilometer bis Agadir sind umso besser zu schaffen, als zuvor ein herrlicher Strandplatz zur ausgiebigen Pause und sogar endlich einmal zu einem längeren Meerbad laden. Zuvor kaufen wir noch Gemüse, frische Erdbeeren und Eier in Tamri bei einem der zahlreichen Händler. Wer Fleisch essen will, kann auch genug davon kaufen.



Die abgeschnittenen Ziegenköpfe und Hufe sind wohl die letzt verwertbaren Teile von den geschlachteten Tieren.



Was man daheim eher selten, wenn überhaupt je sieht: Eine Herde Dromedare wird am Straßenrand getrieben.



Bis zu dieser Strandidylle mussten wir nicht lange an der Küste fahren. Der Parkwächter kassierte seine fünf DH. Nachdem er noch drei Erdbeeren geschenkt bekam, blieb er dann ruhig und friedlich.



Wir speisen Salat, dann Erdbeeren mit den kleinen Bananen aus Tamri. Dabei sehen wir dem Parkwächter zu, der stolz auf dem Dromedar am Strand reitet.



Atlantic Imourane: Rüstige Rentner fahren ihr Spielzeug auf, um den Winter in sonniger Wärme zu verbringen: Hunde, Quads, Fernseher, Satellitenschüsseln, Vorzelte, Motorroller, Auto, Grill, Waschmaschinen. Einer lässt seine Tomaten in aufgeschnittenen Fünf-Liter Plastikflaschen reifen.



Imourane Agadir: In Schrittweite zum Atlantic, Pool und rüstige Rentner in XXL-Womos mit Zamperln und Spielzeug, um über den Winter zu kommen.

Die 400 Stellplätze hier in Atlantic Imourane werden von einem eigenen Kraftwerk mit Strom versorgt. Bei einem Durchschnittspreis von 50.000 Euro pro Mobil stehen hier an die 20 Mio-Euro - direkt in der Katastrophen-Schneise eines Tsunamis. Das Meer rauscht am Luxus-Platz hier etwa 200 Meter von uns entfernt. Die Siedlungen der Oberstadt liegen eben oben. Dort gibt es weniger Kinder als auf dem Land, kein Kind bettelt. Im Gegensatz zu Ägypten läuft die Infrastruktur hier in Marokko reibungslos. In Ägypten meldet die SZ vom 7.3.2012, werde der Diesel knapp, weiter lesen wir dort:

"Der arabische Frühling hat Ägypten und Tunesien, neben Israel und Marokko klassische Reiseländer in Nordafrika und Nahost, erschüttert. Vor allem in Ägypten liegt die Wirtschaft seit dem Frühjahr 2011 am Boden. Einer der wichtigsten Gründe dafür ist der drastische Rückgang des Tourismus."

Doch in Marokko herrscht Frieden im Land. Allerdings sind die Gegensätze zwischen Stadt und Land, zwischen fundamental Sakralem und freizügigem Säkularen beängstigend, krass, gespannt. Ebenso sind die Gegensätze zwischen den Luxuskarrossen der Reichen und den Eselkarren der Armen auf dem Land spür- und sichtbar. Doch bislang herrscht Frieden im Land. Der König repräsentiert das Land in glanzvollen Posen. Die Medien wie "Le Matin" lesen sich, wie eine Werbezeitschrift für Land, Leute und die politische Klasse. Viel Geld gibt der sakral sorgende Staat für den Bau und den Erhalt der Moscheen. Auch religiös Engagierte sollten zufrieden sein. Es herrscht Friede im Land.



Die Zeitung Le Matin berichtet ständig auch über Königliche Aktivitäten, welche sich mit großer Umsicht für das Wohlergehen von Land und Leuten bemühen. Kritik daran wäre unangebracht.

Doch auch die Touristen, viele jedenfalls, leben ein königliches Leben - ohne große gesellschaftliche Verpflichtungen. Im Camp Atlantic Parc trifft sich die Rentnerclique, um bei mildem Klima und Preisen zu überwintern. Im Frühjahr, also um diese Zeit, verlassen dann die Ersten Agadir in Richtung Heimat.



Dies Schauspiel des Sonnenuntergangs vor den Toren des Atlantic Parcs haben die Langzeiturlauber vermutlich jeden Abend genießen können.



Ein XXL-Dickschiff mit Hängepopo und Zwillingsreifen verlässt den Atlantic Parc nach sonnigen Wintermonaten.

Der Ventilator, der den Hitzestau in der Kühlluft des Kühlschranks auflösen sollte, hat Staub und Zeit nicht überstanden. Der Elektriker am Atlantic Parc konnte uns auch nicht helfen. Dank der vortrefflichen WOMO-Reihe "Mit dem Wohnmobil nach Marokko" fanden wir dort in Agadir eine ausgezeichnete Werkstatt: A. Goncalves, Angel Av. El Mouquaouama Boulevard du 2 Mars. Bei der telefonischen Voranmeldung beim portugiesischen Elektromeister half uns die Rezeption vom teuren Atlantic Parc, mit 120 Dirham plus Internetgebühren 10 DH/Stunde der bislang teuerste Platz im Land. Wir fanden die angegebene Adresse, wobei sich wieder einmal herausstellte, dass Karten, Bücher und die Einträge im Garmin-Navi allesamt anders Straßen und auch Ort schreiben. Wir waren die ersten in der Reihe bei Meister Goncalves. Wir gingen auf den Reparaturpreis von 1100 DH sofort ein, froh, dass uns der Meister schnell, unbürokratische und kompetent sofort helfen konnte.



Meister Goncalves baut die neuen Doppelventilatoren ein, welche die Hitze des Kühlschranks abführen.

Das italienische Hightech-Produkt lässt sich per Schalter in der Küche auf Automatik- oder Volllastbetrieb einstellen. Beim Automatik-Betrieb schaltet ein Sensor bedarfsgerecht die Kühlung ein, bei Vollastbetrieb wälzen beide Ventilatoren mit sechs Watt Leistung die Luft um.



Der erste, einfache Ventilator hielt kein Jahr durch. Jetzt sollen zwei Hochleistungslüfter mit elektronischer Steuerung die Ablufthitze des Kühlschranks abführen.

Die kompetente Mannschaft von Meister Goncalves werkelte über vier Stunden daran, den Ventilator einzubauen und fachgerecht zu verkabeln. Allerdings nahm er sich mit seiner Mannschaft auch Mittags eine Stunde Zeit, als der Muezzin zum Gebet rief. Wir speisten derweil bescheiden im Auto.

Das Steuerungsmodul über der Küchenspüle zeigt in drei farbigen LEDs in rot, gelb und grün den Betriebszustand des Ventilators. Diese Neuerung für die Walkuh feierten wir genüsslich mit einem festlichen Mal am Strand beim Sonnenuntergang. Der Stadt nahe Campingplatz International ist zwar gewöhnungsbedürftig, was Packdichte der Fahrzeuge, sanitäre Anlagen und Personal anbelangt, aber dafür sehen und erleben wir Agadir hautnah und zentral.



Wieder eine neue Nacht in einem neuen Heim: Camping International in Agadir liegt nah an der Innenstadt und nah am Strand.



Mehr Junge als Alte tummeln sich auf der Strandpromenade von Agadir. Die Schrift im Berg ist abends ausgeleuchtet.

Wer nicht das verschmutzte Meerwasser an seine Haut lassen will, wählt ein luxuriöses Hotel mit Pool.



Das Essen war überreichlich. Wir mussten die Hälfte zurück gehen lassen. Doch es war uns der Sonnenuntergang und die Feier des neuen Kühlschranklüfters das kleine Fest wert.

Jetzt stehen uns zum Flughafen nach Marrakech, wo Mima Mittwoch nacht am Flughafen übernachten muss. Denn Donnerstag ab 6.00 Uhr muss sie sich dort für ihren Abflug vorbereiten. Nach Marrakech gibt es von Agadir drei Wege: Zurück über die wunderbare Küstenstraße mit weiteren Übernachtungen am Meer, zurück zur Weltkulturerbe-Stadt Essaouira. Der zweite Wege wäre, hier noch etwas ausruhen, um die Autobahn, den leichtesten und kürzesten Weg nach Marrakech zu wählen. Der harte aber der schönste Weg führt über den 2200 Meter hohen Tizzi-n-Test. Wir werden darüber ersteinmal schlafen.

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