16 February 2014

Mond über Marrakech

Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe: Am Platz Le Calme, 15 Kilometer von Essaouira im Innern des Landes, heilt sich mein Körper mehr und mehr von Fieber, Erkältung und Husten. Ruhige Stadtgänge durch das sonnige Marrakech und die Pflege meiner Liebsten in den letzten Tagen vor ihrem Abflug beflügeln die Heilung weiterhin.


Die langen Spaziergänge in der Stille der Dorfstraße bei Le Calme tun uns gut. Die notwendigen Einkäufe erledigen wir 20 Kilometer weiter im Supermarkt von Essaouira. Die junge Deutsche, deren Mann das letzte Geld geklaut worden ist im Gedränge des Marktplatzes, hat uns auf einen Weinladen in Essaouir aufmerksam gemacht.


Wirklich, wir finden das gute sortierte Weingeschäft. Drei Flaschen marokkanischen Rotweins sollen mir meinen Geburtstags am Valentinstag sowie meinen Abschied von Mima erleichtern.


Langsam streifen wir durch die gut überschaubare Medina von Essaouira. Deren Anlage in rechtwinkligen Gassen erfordert keine große Künste, sich zu orientieren.



Was die Metall bearbeitenden Künstler anbieten, war in Form, Ausführung und Fertigung so auch schon von Künstlern in Deutschland zu sehen. Allerdings kann sich der Kunde in Marokko sehr viel preiswerter mit solchen Souvenirs eindecken. Das daneben angebotene Argan-Öl hat Mima preiswerter im großen Kaufhaus gekauft.


Derweil wir kreuz und quer durch Essaouira irren, um ein Reisebüro zu finden, erledigen die Menschen ihre täglichen Arbeiten und Einkäufe.


Zu den täglichen Arbeiten gehört auch, dass ein Parkwächter mit viel, viel Wasser, wie er betont, mein Auto wäscht. Der Parkplatz inmitten der Stadt gibt einen berauschenden Blick über den Strand und das Meer.


Mit der untergehenden Sonne kommen wir wieder von allen Stadteinkäufen heim zum Camp Le Calme. Der Flug Marrakesch-München am Montag morgen kostet etwa 140 Euro. Eine lange Zeit steht man vor verschlossenen Büros. Die Einheimischen trösten uns lächelnd, wenn ein Angestellter nicht korrekt zu den angegebenen Öffnungszeiten auftaucht: "Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit."  Mir liegt dann zwar auf der Zunge, zu erwidern: "Ihr habt die Arbeit, wir haben das Geld." Doch den Spott spart man sich besser.

Die Autowäsche war für acht Euro erledigt, drei Flaschen Wein kosten etwa 13 Euro. Dazu nehmen wir Souvenirs aus Thuja-Holz mit und 40 Liter Trinkwasser, zusätzlich sechs Liter Wasser mit Kohlensäure. Am Camp Le Calme fasziniert mich ein MAN mit dem Auszieh-Dach, der einer fahrenden "Doppelhaushälfte" gleicht.


 Gut ausgeruht kommen wir schon gegen 8.00 Uhr in der Früh auf die Bahn in Richtung Marrakech. Zu unserem Erstauen ist der größte Teil der Strecke vierspurig ausgebaut. So gelangen wir vergleichsweise schnell zum großen Gaswerk Afriquia (N 31 43.807 W08 05.668). Dort können wir unsere Gasflasche füllen lassen. Für die Füllung mit etwa 11 Kilo Propangas, also 26 Litern, zahlen wir 14 Euro, in Deutschland 20 Euro. Nach Gaskauf, Tanken und etwa 200 Kilometern sind wir froh, auf dem Camp Firdaous ein schattiges Plätzchen zu finden. Mima müht sich um mediterrane, leichte Küche, einem Salat aus Tomaten, Avocados, Oliven, Käse und geröstetem Brot. Nach geruhsamer Mittagsruhe steht dann am Abend noch ein erster Bummel durch Marrakech uns bevor, wozu wir die Taxi-Dienste des Campingplatzes nutzen. Der Gang durch das laute Gedränge der Medina Marrakech ist anstrengend genug. Da verzichtet man gern darauf, sein langes Wohnmobil durch die Rush-Hour zu kutschieren.


Marrakech




 Unser erster Abend zeigt uns die Koutoubia beim Licht der untergehenden Sonne. Es ist ein glückliches Gefühl, an dem schon nun etwas vertrauten Ort anzukommen und sich wieder auf's Neue bezaubern und von der Pracht verführen zu lassen.


Unzählige Menschen drängen sich durch enge Altstadtgassen. Unzählige Dollars, Dirhams, Euros, Rubel wechseln im Handel mit Immobilien, Dienstleistungen und Konsumgütern ihre Besitzer. Die Altstadt kommt mir vor wie ein Warenhaus für Touristen. Auch wir schleppen im Wohnmobil eine gut gefüllte alte Tasche mit dem, was wir als "Schätze des Orients" daheim weiter verschenken - bestenfalls am Weihnachtsmarkt verkaufen.



Wir trudeln zum Vollmond ein in Marrakech. Der Platz Djemaa el-Fna, an dem in früheren Zeiten die Köpfe der Gehenkten öffentlich aufgespießt worden sein sollen, brodelt von morgens bis abends über vor lärmender Geschäftigkeit.



Die Musikanten trommeln, singen, jubeln, jauchzen. Blasinstrumente, Guitarren, Mandolinen, alles was Töne macht, bearbeiten die Straßenkünstler. Ein alter Mann streicht seine Geige, deren Töne über einen rumpelnden, verzerrenden Verstärker dem Zuhörer ein paar Dirhams entlocken sollen. Doch der Alte stellt sein Quietschen selbst dann nicht ein, wenn man ihm Geld gibt. Vielleicht sind meine Ohren auch nicht genug geschult, die wahre Meisterschaft zu hören. Aber jeglicher Hochmut vor den armen Menschen, die sich mit allem Erdenklichen ihr Auskommen suchen, ist beschämend für den, der im Wohlstand lebt.


Wir speisen vorzüglich und preiswert. Angenehm überrascht uns das reiche Angebot an vegetarischen Speisen. Die vegetarische Tajine mit einem Strauß an köstlichem Gemüse mit all den Salaten, Oliven, Brot, Pommes Frites bietet mehr, als wir für etwa sieben Euro verspeisen können.


Doch auch wer Fleisch, wie hier vom Schafskopf, verzehren will, kann seinen Hunger stillen. Mir fällt eine Halle am Platz auf, in der die gehäuteten Tierkörper beim Metzger auf Kunden warten. Doch dort darf man nicht fotografieren.




Schuhe, Stoffe, Antiquitäten, Gewürze, Taschen, Lampen, Mandeln, Nüsse, Feigen, Trockenfrüchte - das Angebot an allem ist überreichlich. Manche Händler steigen von unten im Kriechgang inmitten ihres Angebots auf ihren Verkaufsplatz und harren der Kunden. Wer seinen Stand für eine Pause verlässt, überlässt die Aufsicht dem Nachbarn. Auf dem Weihnachtsmarkt ist dies auch nicht anders.


 Auf dem Camp Firdaous haben sich etwa 20 Abenteuer, meist aus Sachsen, eingetroffen. Sie sind die Strecke Dresden Marrakech in einer Woche gefahren. Nach zwei Ruhetagen brettern sie mit allen möglichen Altwagen über Mauretanien, den Senegal bis nach Gambia. Dort versteigern Händler ihre alten Autos. Die Fahrer fliegen nach dem vierwöchigen Abenteuer heim.
www.rallye-dresden-dakar-banjul.com



In der Medina-Marrakech begnügen sich die Burschen mit martialischen Kampfsport. Jedenfalls hinterlässt diese Wandwerbung diesen Eindruck.


Das Getümmel in den Gassen der Medina lässt sich schwer beschreiben. Zwei Männer auf einem Eselkarren treiben ihr Grauvieh an und schnalzen mit spitzen Rufen sich den Weg frei. Mopeds, wie immer ohne Nummernschild, drängen sich an Fußgängern vorbei. Irgendwo fließt eine undefinierbare Soße über das Pflaster. Gelegentlich, meist in der Nähe der zahlreichen Moscheen, gibt es Bedürfnisanstalten.



Über den Dächern des sonnendurchfluteten Häusermeeres findet man zahlreiche Restaurants, sauber und preiswert. Wir teilen uns einen marokkanischen Salat und eine vegetarische Tajine. Mehr schaffen wir ohnehin nicht. Frisch gepresste Säfte von Orangen, Äpfeln, Karotten oder Avokados löschen unseren Durst mit gesunden Vitaminen. Mein muffiges Gesicht beweist, dass mir die Sonne schon wieder arg zugesetzt hat.


Auf fast jedem Dach darf die Satelliten-Schüssel nicht fehlen. Im Hintergrund weist der Turm der Koutoubia uns eine Orientierung aus den überdachten Gängen der Souks, den Einkaufpassagen mit dem überaus reichhaltigen Warenangebot.


In den Töpfen, Tiegeln, Tassen findet man, was das Herz begehrt. So wird ein Aufguss von Zitronenwasser über Kauri-Muscheln ein, zwei Tage ziehen gelassen, um daraus Schönheitsmasken  zu gewinnen. Wozu die Krokodil-Häute sein sollen, erschließt sich mir nicht.





























Die Experten empfehlen, den zu erwartenden Nahrungsmangel der Millionen mit Proteinen und Eiweiß aus dem Verzehr von Käfern und Würmern zu beheben. Hier krabbeln die Schnecken im
großen Gefäß noch um- und übereinander. Später pulen die Feinschmecker mit Zahnstockern die gekochte Schnecke aus ihrem Gehäuse, um die Delikatesse zu verköstigen. Dass sich die jungen Burschen von ihren charmanten Begleiterinnen gerne dabei fotografieren lassen, wie sie mit kannibalischem Grinsen ein Schneckerl aus ihrem Gehäuse ziehen und schmatzend schlingen, versteht sich als männliche Mutprobe.


Wer sich beim Genuß der ungewohnten Kost den Magen verdirbt, kann in dieser Natur-Apotheke die besten Heilmittel  beziehen. Auf einen Beipackzettel zur Medizin muss der Kranke aber wohl ver- zichten.


Mopeds, Eselkarren, eilige Fußgänger und staunende Touris, alle winden und wühlen sich durch die Gassen der Medina, ohne dabei einander anzustoßen. Es herrscht trotz großem Gedränge an manchen Orten meist eine gefühlvolle Vorsicht, aneinder vorbei zu balancieren. Mit der Mentalität von Rechthaberei kommt man hier nicht weiter, sondern raubt sich nur seiner letzten Nerven.

 Mit seinem schweren Eisenhammer bearbeitet der Handwerker diese kunstvoll geschwungenen Wannen aus Kupferblech. Dass die Männer dabei keinen Gehörschutz tragen, wie  andere Eisen mit schweren Flex-Maschinen unter sprühendem Funkenflug schleifen, ohne dass die Männer ihre Augen  oder ihre Ohren schützen, erstaunt und erschrickt mich in meinen Vorstellungen von Arbeitsschutz-Maßnahmen.


In Portugal oder Spanien, in Ländern mit christlichen Kirchen, sind mir die Pausen in den ruhigen, stillen, schattigen, kühlen Orten der Andacht immer willkommen. Hier in Marokko allerdings sind Moscheen nur für den Besuch der Muslims geöffnet. Die Ausnahme machte die Moschee Hassan II in Casablanca, die mit 120 Dirham pro Besucher auch beachtliche Eintrittsgelder einspielen dürfte. Die Freitags-Ausgabe der marokkanischen "Staatszeitung" LE MATIN berichtet in jeder Freitagsausgabe, in welcher Moschee der König Mohammed VI, den Gott schützen möge, sein Freitagsgebet verrichtet hat. Der alte Prediger, bärtig auf schwerem Stock gestützt, erläutert die Ideologie des Glaubens: "Der Glanz und die Herrlichkeit des Himmels möge sich spiegeln im Glanz und der Herrlichkeit auf Erden hienieden. Wer in der Höhe von Macht und Herrlichkeit hat die Pflicht, seinen Reichtum mit weniger Begüterten zu teilen und auch für die zu sorgen, denen weniger Glanz und Herrlichkeit auf Erden vergönnt ist." Soviel in freier Übersetzung und Erinnerung einer Freitags-Ausgabe von LE MATIN, die dazu mindestens auf einer halben Seite das Bild dieser besinnlichen Einkehr zeigt. Der König sitzt auf einem eigenen Teppich, die Männer meist in weiß, nur militärische Würdenträger besuchen die Moschee in voll uniformierten Ornat.

 Unsere behagliche Behausung entbehrt zwar auch nicht eines gewissen Luxus. Doch das Leben auf der Straße, in den Camps, lässt sich nicht vergleichen mit einer Unterkunft in den palastartigen Hotelanlagen. Bevor mein geliebter Wisch-und-Wasch-Bär dann in Richtung München abhebt, macht sie sich noch nützlich. Im Camp Firdaous ist die erste Dachreinigung nach vier Jahren fällig. Ansonsten hat unsere "Walkuh" unsere vier gemeinsamen Jahre mit Monaten von Urlaubsfahrten über 100.000 Kilometer recht anständig und im Großen und Ganzen schadlos überstanden.


Es wird Regen geben. Der Wind bläst zugig in den oben offenen Doppeldeckerbus der Stadtrundfahrt. Die prächtigen Großstadtstraßen in der Neustadt zeigen uns, wo reiche Menschen wohnen und arbeiten, wo und wie. Zwischen ihren Welten und den geschäftigen Menschen in den Basars wird es kaum Verbindungen geben.


Seit Jahrhunderte umkränzt diese bis zu 10 Meter hohe Mauer das Stadtgebiet. Marrakech als Handelsmetropole zwischen dem Norden und Süden, zwischen Mittelmeer und Atlantik hat seine wirtschaftliche Strahlkraft nie verloren. Wer auch immer hier herrschte und handelte, der gewann Geld, Macht und Einfluß.


McDonalds darf natürlich nicht fehlen an dem Platz, wo sich die nach dem Westen orientierenende Kaufkundschaft rumtreibt.
 Marrakech - Hauptbahnhof, alles aussteigen. In sauberer Symmetrie und in reicher orientalischer Ornamentik, bekränzt von der Flagge des Königreichs, schmückt sich dieser Kopfbahnhof.


 Das "Theatre Royal" steht in der Nähe der Luxushotels, die sich wie Perlen an einer Schnur an der Prachtstraße Mohammed VI aufreihen.

 Eines dieser Luxushotels: Das Leben in diesen Gebäuden unterscheidet sich grundlegend vom Leben auf Campingplätzen - in welchen Autos auch immer.

 Wo VW-Tuaregs, Porsche Chayenne, Siebener-BMWs, Mercedes und Audi vorfahren, dort in den Teppich gedämpften Hotel-Hallen verirrt sich kein Camper, selbst wenn seine Brieftasche den Komfort zahlen könnte.


Gleich gegenüber dem Königspalast, dessen bewachten Eingang zu fotografieren schon strengstens verboten ist, gleich gegenüber drängt sich wieder Masse Mensch bei seinen alltäglichen, oft auch ärmlichen Geschäften. Doch da die Wurzeln des Königs sich bis in die Ahnenreihen des Propheten verfolgen lassen, sind auch ärmste Straßenhändler mit ihrem verdienten, harten Los unermüdlicher Sklavenarbeit vermutlich glücklich und zufrieden. Wo die Muezzin unter staatlicher-religiöser
Oberaufsicht stehen und aus der Staatskasse besoldet werden, da hält dieser über Jahrhunderte eingespielte Apparat die Menschen als zufriedene Untertanen. Die sozialen Errungenschaften, welche der König wieder und wieder durchsetzt und höchst werbewirksam in der medialen Landschaft vermarkten lässt, geben Marokko auch ein stabileres Staatsgefüge als die Maghreb-Staaten östlich und südlich des Königreichs. Bei den Stories von Mitreisenden über korrupte Polizisten, welche mir auch schon in Essaouira begegnet sind, scheint es unter der friedlichen Oberfläche doch durchaus sozial zu köcheln und zu brodeln.



Das Viel Volk vergnügt sich. Der Marktplatz in Sichtweite der Koutoubia bietet an, mit Geschick nach einer Flasche zu angeln. Doch keinem Angler gelingt es, den Gummiring um den Hals der Flasche zu balancieren, dass ihm die Ware gehört. Uns stärkt ein köstliches Abendessen. Mima kauft ihre letzten Erinnerungen ein, wie einen Schal und eine Holzschlange. Dann bringt uns das Taxi im Dunkeln der Nacht bei leichtem, nachlassenden Regen in unser trautes Heim.


Unser letztes gemeinsames Frühstück: Mima hat einen köstlichen Eierbraten mit Oliven, Paprika, Zwiebeln aufgetischt. Langsam wird mir das Herz schwer, dass sie morgen schon abfliegt.

Doch die Tage meiner Krankheit, die mich etwa zwei Wochen geplagt haben, haben die Reise noch mal erschwert. Mit viel Ruhe, Shopping, gutem Essen haben wir dann unsere Stabilität und unseren Frieden wieder gewonnen.


Zwischen Kochtopf, Herd und Sitzbank hat Mima fleißig Akkordeon geübt. Das Notensystem, die Tastatur - all das ist neu für sie. Doch sie ist schon ein gutes Stück weiter gekommen.


 Wir haben beim Kaufhaus Marjane sogar den Friseur wieder gefunden, der Mima vor zwei Jahren sorgfältig frisiert hat. Da dort aber der Betrieb erst um 17.00 Uhr beginnt, finden wir nicht weit von Marjane einen anderen Friseur. Daneben wirbt ein Boutique mit sexy Puppen für die passende Disko-Mode.


Ein ehrwürdig gealterter Rundhauber mit Historischem Kennzeichen aus Berlin. Es gibt sie noch, diese schönen Fahrzeuge, welche unverwüstlich auf allen Straßen dieser Welt noch unterwegs sind.

Damit endet am Flughafen von Marrakech diese Reisegeschichte unter dem Thema bislang "Mima-mit-mir". Ab morgen dann geht es ohne meine Frau weiter, die sich in München wieder auf ihr arbeitsreiches Frühjahr bis tief in den Sommer hinein vorbereitet. Dankbar für die Zeit mit meiner lieben Frau, die manchmal als "Nerv-Hase" aber auch sehr anstrengend war für mich - besonders wenn mir bei Fieber, Husten und Atembeschwerden der Überblick fehlte. Was wir dann ohne unsere Frauen sind, wird mir dann in den kommenden Wochen und Kilometer klar werden.