13 August 2016

Raus aus Schland - fünfte Etappe St. Petersburg

Nach einer ergreifenden Feier am Krieger-Denkmal im hart umkämpften Leningrader Bezirk sind wir glücklich in St. Petersburg angekommen. Das Denkmal liegt etwa auf der halbe Strecke zwischen Pskov und St. Petersburg, früher oder auch Leningrad genannt. Aus russischer Sicht fasst man sich an den Kopf bei den Schlagzeilen der Systemmedien aus Schland!


Was solche System-Medien mit Lesern machen, da muss man schon selbst drauf kommen. Seit Jahren bloggen meine Berichte mit Reise- und Polit-Bilder mich tiefer und tiefer in das Verständnis der geopolitischen Gemengelage. Wer mitliest, folgt, wer System-Medien vertraut, liest das nicht!


Aus dem armen Dorf  Utorgosh, einem für unsere Verhältnisse unvorstellbar armen Dorf, führt uns die Straße weiter Richtung Sankt Petersburg und dort am Weg liegt das Denkmal.


In aufwendigen und umfangreichen Online-Kalender von druschba.info sind alle Ereignisse eingetragen, denen zu folgen für mich nicht immer möglich ist. Man stelle sich diese endlosen Birkenwälder vor, ein flaches Land, mehr moorig als fruchtbar, kaum geeignet für Ackerbau und Viehzucht. Man stelle sich die geduldigen Straßenhändler vor, die mit ihren Gläsern von Beeren, mit Körben von Pilzen auf Kunden warten. Bei Wind, bei Regen, bei 12 Grad Celsius. Man stelle sich die Ziehbrunnen in Utorgosh vor, aus denen die Menschen aus ein, zwei Meter Tiefe das Wasser holen, welches fast überall unter ihrem Land schwabert und wabert. Die Erde darüber kann kaum das Öl der Maschinen und Autos, die Exkremente der Tiere ausreichend filtern. Die Menschen in Utorgosh schöpfen aus ihren Brunnen kein Trinkwasser, sondern Brauchwasser. Und sie schöpfen Wasser, weil vermutlich in ihrer Hütte keine Wasserleitung liegt.


Ein weiterer Ziehbrunnen in Otorgosh. Die Wasserstelle schützt eine Zinkblechhaube. Dennoch siedelt sich dort ein Deutscher an, dessen russische Frau 27 Hektar gekauft hat. Ihr Mann muss Russisch lernen und in einer Prüfung nachweisen, um dauerhaft bleiben zu dürfen. Er sagt, Schland sei das einzige Land, wo fast jeder kommen kann und alles kriegt. Überall sonst auf der Welt, muss man etwas bringen, um bleiben zu dürfen.


Wir fahren von Utorgosh auf einer mit Teerflicken übersäten holprigen Straße etwa 45 Kilometer weit, bis wir wieder die Hauptstraße erreichen, welche Pskov mit St. Petersburg verbindet. Die Straße führt schnurstracks über das flache Land. Wir nehmen einen Tramper mit, der den Duft von Milch und Kuhstall verströmt.


Einige Erhebungen sorgen für Abwechselung, Kurven gibt es fast keine, Tankstellen schon.


An einigen Tankstellen fahren Autos auf Rampen. So kann man sein Motoröl selber wechseln oder anderweitig unter dem Fahrzeug arbeiten. Was sich an Kanistern und Ölsumpf unter diesen Rampen angesammelt hat, will niemand wissen.


Etwa 100 Schulkinder bringen die Busse in die Schule nach Utorgosh. In Weilern, Gehöften, Holzhäuser ringsherum leben Familien, ziehen ihre Kinder groß, versorgen sich großenteils selbst. Wie und wovon die Menschen dort leben, bleibt ein Rätsel.


Krasser kann der Unterschied kaum ausfallen im Vergleich der westlichen Fahrzeuge mit dem Landleben in Utorgosh. Zwar fahren auch bei in der Kolonne der Friedensfahrer Klapperkisten mit wie der VW-Lupo-TDI mit seinen 16 Jahren auf dem Buckel und hoher Laufleistung, doch der große Teil der Fahrzeuge bewegt sich im oberen Mittelfeld. Das größte Dickschiff  der Kolonne, welches vier Personen befördert, schlägt mit einer Viertelmillion zu Buche. Die klapprigste Kiste kann mit Glück und viel nachgefülltem Motoröl hoffentlich wieder Schland anlaufen. Meine rollende Studierstube lässt mich Europa und Marokko seit 2010 von Konstanza am Schwarzen Meer bis an den Rand der Sahara in Marokko erforschen. Und dann heute das...

Partisanen-Krieger Denkmal Luga

Meine letzte Feier an das Krieger- und Gefallen-Gedenken liegt unendlich lange zurück. Als Bub von 10 Jahren an meines Vaters Hand muss dies um 1958 gewesen sein. Die düstere Stimmung bei dem traurigen Lied "Ich hatt' einen Kameraden...", ist mir noch im Ohr.



Doch als Jugendlicher mit Lust, nach Mädchen zu jagen, war uns das Erbe der Eltern ein Fluch des verlorenen Kriegs, war die Generation der Alten von Schuld beladen. Dabei wollten die Alten nichts anderes für ihre Kinder, als mich später die Sorge um meine eigene Tochter tiefer und tiefer unausweichlich ins Berufsleben verstrickte, ohne viel Zeit und große Gedanken für den konsequenter von Krise zu Chaos kippenden Kapitalismus zu haben. Ob das Staatsschiff mit mörderischen Gier-und-Gewalt-Gesetzen von Konkurrenz, mehr und mehr seiner sozialen Anker entrissen, sich zum reißenden Raubtier-Kapitalismus steigert, der den Strudel von Rüstung, Waffenhandel zum Krieg in den Abgrund dreht? Es sieht bald so aus.

Zu meiner Zeit als 20jähriger ging unserer Generation 1968 alles National- und Heimatgefühl flöten. Anders in Russland.


Ein Strauß roter Nelken liegt am Treppenaufgang zum Krieger- und Partisanendenkmal. Jeder erhält zwei Nelken und legt diese nach einer ergreifenden Feier in der Gedenkhalle auf der Kuppe des Hügels nieder.


Lieder, die wir daheim als "völkisch" empfinden, spiegeln hier in Russland das Lebensgefühl der Menschen im hart erkämpften Sieg über die eingefallenen deutschen Hunnen-Horden wieder. Rechts im Bild beschallen Lautsprecher die Szene. Ansprachen von Honoratioren erinnern an die mit Blut getränkte Heimaterde der Menschen im Bezirk Leningrad. Welche tiefe Wunden dieser deutsche Kriegsüberfall hinterlassen hat, zeigt das privat betriebene Heimatmuseum in Utorgosh mit den verrosteten, verrotteten Spuren von Kriegsmaterial.



 Anno Domini 2016: Zum 75. Jahrestag des deutschen Kriegseinfall nach Russland sammeln sich NATO-Manövertruppen in den baltischen Staaten, die wenige Jahre zuvor noch russisches Einflußgebiet waren. Immer näher rücken die Sturmtruppen des Raubtierkapitalismus dem russischen Bären auf den Pelz, immer lauter schlagen Medien- und Politstrategen die Kriegstrommeln in Schland, immer weiter vergessen heutige Meister-Manipulateure, welche Verpflichtung zum Frieden noch von wenigen Jahrzehnten das Grundgerüst deutsch-östlicher Außenpolitik war.

Die Jungen tanzen in ihren bunten Trachten. Die Mädchen drehen sich wild im Kreise, dass ihre Röcke sich bauschen und ihre hübschen Beine freier zeigen.

Die Burschen stampfen im Gleichklang mit ihren Stiefel auf und beweisen ihren Auserwählten, welche Kraft aus ihren Lenden ihnen Freude und Fruchtbarkeit schenkt.



Wie versteinert stehen die Soldaten auf der Kuppe, die breite Brust geschwellt. Die Männer schießen am Ende der Veranstaltung ihre Platzpatronen in den Himmel. Feuer flammt aus dem Lauf. Schüsse knallen und schrecken mich. Mit dieser Macht ist nicht zu spaßen, seien diese vier Grinse gesichtigen Verteidigungsminist*Innen gemahnt, auch wenn das Millionen Stimmvieh Mutti-Merkel Macht verleiht, unserer geliebten GröMaZ, der Größten Mutti aller Zeiten!


Wenn der militärisch-industrielle Komplex im Westen mit höchster Ingenieurkunst und beachtlicher Qualität seine Kriegsmaschinerie in aller Verbrecher Hände verkauft, stolze Vaterlandsverteidiger von Mütterchen Russland  sind nicht zu brechen, nicht von Napoleon, nicht von Hitler und auch nicht von militärischen Mordaufträgen der NATO-Generäle. Russland beginnt keine Kriege, sondern beendet sie.


Wo bei uns Gangsta-Rapper sich im Drogen- und Dealer-Milieu als Testosteron-Tölpel gegenseitig die Fresse polieren, kämpfen am russischen Denkmal zum gleichen US-Rap die Burschen spielerische Zweikämpfe in einer geordneten und geschulten, disziplinierten Formation.


Wo bei uns die Hells-Angels mit den Bandidos um Zuhälter- und Drogenreviere blutige Kämpfe ausfechten, führen hier in Russland martialische Motorrad-Männer unsere Friedensfahrer-Kolonne, sperren den Gegenverkehr. Während bei uns Anwälte lang verhandeln, dass ihre kriminelle Klientel mit Rocker-Kutte vor den Richter treten darf, feiert Putin mit den Nachtwölfen. Russischen Rockern verwehren Polit-Schranzen bei uns ihre Visa zur Einreise nach Schland. Doch in Schland dürfen Motorrad-Gangs mit ausgewiesenen Türk-Faschisten ihr Unwesen treiben. Sie nennen sich Graue Wölfe und stehen mit symbolisierten Grüßen der Heil-Hinkel Clownerie in nichts nach. Verrückte Welt!


Während sich weltweit die McGeiz-Seuche mit ihren Einheitsrestaurant über den Erdball verbreitet, fährt bei der russischen Denkmal-Feier die Feldküche vor. Wie zuvor schon in Gvardesjk schenken stämmige Damen Buchweizen-Brei mit geringer Fleischeinlage und stark gesüßten Tee aus. Von allen für alle, gibt ein weitaus besseres Lebensgefühl als gnadenlose kapitalistische Konkurrenz von immer mehr Menschen für den Profit immer weniger Menschen. Allerdings bleibt zu bezweifeln, dass dies in andern Ländern anders oder besser ist.


Während bei uns schmuddelige Gestalten in schwarzen Antifa Lumpen vermummt gegen Polizisten und Sicherheitskräfte kämpfen, Autos abfackeln und Kieferknochen brechen, gehören in Russland Polizisten und Soldaten ins Straßenbild und garantieren displiniertes, friedliches Zusammenleben. Man fühlt sich freier und sicherer in Russland als im rot-grün-versifften Schland.

 
Während am russischen Kriegerdenkmal der Stahlhut unter einem Meer von roten Nelken verschwindet, schänden in Schland aufgehetzte Vollpfosten der einen wie der anderen Fraktion Friedhöfe und Denkmäler, brechen Grabsteine um und beschmieren mit grün-rot-versiffter Graffiti und verfassungsfeindlichen Symbolen Tische, Bänke, Friedhofsmauern und Rückzugsräume der Menschen, ihre Wohnanlagen. 


Auf dem Helm hat ein Witzbold eine Münze drappiert: 10 Rubel. Was bekommt man für 10 Rubel?


Für 10 Rubel gibt der Automat die Schranke zur Bedürfnisanstalt an der Raststätte am Denkmal frei. Bei einem Kurs von 70 Rubel für einen Euro sind 10 Rubel etwa 14 Cent wert. So versteht man besser, warum Menschen an der Straße ausharren mit Gläsern von Beeren, Pilzen, Kartoffeln oder Zwiebel- und Knoblauchzöpfen.


Nach den Reden, deutsch-russich, russisch-deutsch, also doppelte Länge, nach feierlicher Kranz- und Blumenniederlegung stärkt uns ein Imbiss aus der Feldküche. Die Tafel bietet zudem aufgeschnittene Tomaten und Gurken, Brötchen, gefüllt mit Marmelade und das obligate Wässerchen Wodka. Hier stärken sich zwei Hauptredner, wobei der beleibte Herr links nicht mehr ganz ins Bild passte. Seinen gut gefüllten Pappbecher mit 40-prozentigem Wässerchen leerte der geübte Sprecher und Zecher in einem Zug, eine bemerkenswerte Leistung zur Mittagszeit.


Die Botschaft der Veranstaltung am Kriegerdenkmal ist klar, egal ob von Dicken oder Dünnen, von geschmeidigen Jungen oder verknöcherten Veteranen, und die Botschaft lautet:

We refuse to be enemies!
zeitgemäß aufgehübscht und digital im schnellen Twitter-Zugriff: #refusetobeenemies.


Die Veranstaltung neigt sich dem Ende zu. Die feierliche Stimmung brachte die Menschen einander näher, öffnete Herzen und Sinne. Man feiert friedlich einen fröhlichen Ausgang.



Eingeübte und übende Paare treffen sich, allesamt fröhlich, friedlich und schiedlich bei segnendem Sonnenschein.



Ausdrucksvolle Gesichter und gewichtige Körpersprache zeigen Individualisten, die sich nicht dem manipulierten Mainstream in Reih und Glied einordnen lassen, Menschen, die nicht wieder dem Marschtrott verfallen nach der düsteren Melodie ... "Ich hatt' einen Kameraden..."


Nach allem Ernst, auch nach Tränen und Traurigkeit im Gedenken an den Krieg entspannen sich die Menschen in gesteigerter Lebenslust und Freude. Bereitwillig posieren vier Schönheiten für Friede und Freude für sich und kommende Generationen.


Nicht einmal eine Freundschafts- und Friedensflagge brauchen die jungen Damen. Bei dieser sonnigen Friedensgedenkfeier drückt ihr ganzes Sein, ihr weibliches Wesen Frieden und Freundschaft aus. Jedenfalls in meiner Fantasie.


Mit frohen Liedern zur Laute klingt das Fest aus. Wohlgemut fahren wir die nächsten 140 Kilometer in den Frieden.



Der nächste Termin in St. Petersburg steht auf dem Programm, in etwa 140 Kilometer Entfernung, davon etliche durch schwirrenden Großstadtverkehr. Mit der Angabe des Straßennamens zum Camp Hotel Elizar führt mich das Navi sieben Kilometer weit weg vom Ziel.


Stadt-Stress nervt mich ganz gewaltig. Immer auf der Hut, dass links wie rechts keiner in die Seiten schrappt, ohne genaue Orientierung gleicht die Stadtfahrt einem Blindflug ins Ungewisse.


Meine Registrierung vorab hat geklappt. Doch erst nach längerem Studien des Web-Auftritts des Hotels fallen mir in den Tiefen der Web-Seiten die Koordinaten auf, mit denen mich mein Navi ins Ziel führt. Fast.



Die freundliche Empfangsdame erklärt mir, dass es zum einen Tor hinaus, dann links, wobei mir der breite Bürgersteig die Überquerung der Fahrbahn erspart, dann wieder links zum anderen Tor hinein, dann einen Knopf finden und drücken, worauf sich elektrisch das Torgatter öffnet und mich ein Platzeinweiser für zwei Nächte einquartiert - endlich.

Angekommen in St. Petersburg oder Leningrad



Endlich und erstmalig gelingt es mir in Russland, mit dem Fahrrad Bier und Brot einzukaufen, zur ersten Stadtbesichtigung zu radeln, mich in die fremde Stadt ein wenig einzufühlen.


St. Petersburg liegt an der Newa, beherbergt fünf Millionen Menschen und hieß und heißt für die meisten wohl immer noch Leningrad. Weiteres werden wir bei der morgigen Stadtrundfahrt sehen. Als Friedensfahrer-Demonstrant muss eine Stadtrundfahrt reichen.

Doch wie mich die Friedensfahrt mehr und mehr mit Land und Gebräuchen vertraut macht, bleibt zu hoffen, dass meine Liebste daheim auch den Mut aufbringt, hier mit mir ein, zwei Sommerwochen Stadt und Geschichte zu erforschen. Allerdings werden uns unsere Fahrräder in einer Fünf-Millionen-Stadt nicht viel weiter bringen.


Die Newa fließt 56 Kilometer durch Leningrad, um bei der Schreibweise für St. Petersburg zu bleiben. Vom finnischen Meerbusen drücken bei Sturm gewaltige Wassermassen ins Land. Alles ist unbegreiflich groß in der Stadt, ihrer Lage, ihre Millionen von Einwohnern, ihre Stadtautobahnen, Brücken, Paläste und Hochhäuser. Wiki:

Die historische Innenstadt mit 2.300 Palästen, Prunkbauten und Schlössern ist Weltkulturerbe der UNESCO. In dieser Hinsicht wird St. Petersburg weltweit nur noch von Venedig übertroffen.


Bei meinem ersten abendlichen Radausflug fällt mir auf, dass meine Strampelei entlang der Newa mich nicht viel weiter bringt.


Die Gigantonomie von Gebäuden und Straßen erschlägt mich. Der Verkehr auf der Uferstraße lässt sich am besten auf der morgentlichen Taxifahrt verstehen. Mit heulendem Motor schafft es der Droschkenkutscher bis zum Stopp vor der nächsten roten Ampel immerhin auf 100 km/h zu beschleunigen. In der Mitte der Rennbahn rumpeln Straßenbahnen im Stil der 50iger Jahre.


Morgens gegen 6.00 Uhr früh geht es zum Abenteuer der Stadtrundfahrt, wobei wir zwar schon eine Stunde vor dem verabredeten Zeitpunkt eintreffen, allerdings am falschen Ort.


Doch dafür bietet die Taxifuhre zur frühen Stunde dem Fahrer Gelegenheit, auf fast freier Bahn die urige Gewalt seines Gefährts zu demonstrieren.


Die Sehenswürdigkeiten auf der anderen Uferseite fliegen schneller vorbei, als sie aufzunehmen, geschweige denn zu fotografieren sind.


So umqueren wir auf der Suche nach unserem Bus den Zarenpalast, was einer Wanderung von gefühlten fünf Kilometern entspricht. Nachdem sich die Menschen dieses Herrschers entledigt hatten, wurde das Gebäude nationalisiert und beherbergt als Erimage Kunstschätze in unüberschaubarer Menge, etwa drei Millionen. Leider bleibt mir in der Kürze der Zeit nichts anderes übrig, als diese Schätze im Buch Sankt Petersburg in Vielfarbdruck zu bewundern und auf einen längeren Aufenthalt dort zu hoffen.


Die Sonne kämpft noch mit der Wolkenwatte über dem Schloßplatz, der für Fahrzeuge aller Art gesperrt ist - außer für einem zeitgleich stattfinden Harley Davidson Event.


Leider bleibt auch hier wieder keine Zeit, die wohligen Urlaute zu vernehmen, welche die Kolben in den Blecheimer großen Zylindern blubbern lassen und die Herzen der Harley-Fahrer höher schlagen lässt.


Trotz aller Prachtbauten, Säulen und Statuen ist es erstaunlich, dass Produkte wie Harley Davidson ihre große Bühne am prächtigsten Schloßplatz bekommen. Auch bei der Navigation helfen bei den Taxifahrten größtenteils Smartphones, vermutlich mit Google Maps bei der Zielfindung. Auch lässt sich ein Radiosender einstellen, der die neuesten Hits dudelt, nicht anders als überall auch in Schland.


Bei den meisten Prachtplätzen fällt auf, dass große Freiflächen vor dem umbauten Raum Menschen zu schrecken scheinen. Es grenzt an Gesetzmäßigkeit, dass inmitten der Plätze sich meist Säulen erheben. So auch vor dem Schloßpalast in Leningrad.


Meine beiden wackeren Mitstreiter, ein unpassendes Wort auf einer Friedensfahrt, waren sich bis zum Einstieg einer chinesischen Touristengruppe sicher, dass der Bus für uns gebucht wäre. War er aber nicht. Doch wie in einem Wunder kam unser Bus vor das Kempinski Hotel, in dessen Marmorhalle sich aus dem Geldautomaten ein weiterer Reiseproviant von Rubeln melken ließ.


Des weiteren sei meiner Herzensdame daheim bei einem eventuellen Besuch der dortige Sanitärbereich empfohlen.


"ST.PETERBURG HARLEYDAYS" - für den Preis eines US-Mopeds bekommt der Landmann in Utorgosh ein Stück Acker mit Hütte.


Als Tourist hat man Augen für Paläste, als Trucker für die Kollegen der Landstraße. Dieser Sattelaufleger bewegt energieeffizient seine Rostlaube aus einem angejahrten Gastank von rostigen Eisenbändern gehalten.


Mittlerweile ist auch unser Bus bei dieser Sehenswürdigkeit eingetroffen, wobei wir die Dame am Telefon stressten. Doch sie erklärt uns mit der absoluter Gültigkeit, dass ein Treffen immer klappt, wenn man Zeit und Ort einhält. Dass der Bus auch an den Schloßpalast anfährt, war uns ein großer Glücksfall.


Wer die Busse genauer betrachtet, bemerkt Schläuche und Zuleitungen an der Unterseite. Des Rätsel Lösung: Das sind Toilettenwagen - im wahrsten Wortsinn.

Nach den bei solchen Stadtrundfahrten üblichen Geschichte, dass sich jeder Herrscher seinen eigenen Palast bauen ließ, gehörte wohl zum ausgeprägten Standesempfinden solcher Adeliger. Einigen, wie einem gewissen Herrn Paul, ließ sich aus Sicherheitsempfinden ein Burganlage bauen. Nutzte ihm aber auch nichts, als ihn ein Leibgardist erwürgte.


Beim nächsten 10minutigen Fotostop bewundern wir die schönste Kirche der Stadt, die sich Christi-Auferstehungskirche nennt, auch Erlöser-Kirche, im Volksmund aber wohl Blutkirche heißt, weil dort wohl einige Hochwohlgeborene als tragische Einzelschicksale endeten.


Als Info am Rand erfahren wir im Bus, dass die Mosaikfelder in und um das Gebäude 7000 Quadratmeter betragen - mittlerweile ein Museum.


Wer ein wenig Abstand von dem touristischen Getümmel braucht, sollte die Stadt vom Boot aus besichtigen.


Dieser Besuch schnuppert nur oberflächlich an Pracht und Macht dieser Stadt. Wer mehr will, muss länger bleiben.


In dieser Akademie studierte Dostojewski, der in unnachahmlicher Vollendung Stimmung und Antrieb seiner Romanhelden zisiliert.


Parallel zur belebten Straßen tummeln sich auf dem Wasser die Schiffe.


Wie bei den Harley-Tagen der Mann sich und seine Maschine präsentiert, so präsentierte sich in früheren Zeit Mann und Pferd.


Vom großen Handelshafen blicken wir über die Newa.


In früheren Zeiten leuchteten Feuer, um Schiffen den Weg zu weisen. Heute öffnen sich die Brücken der Newa nur für ein paar Stunden in der Nacht. Tags rollt dort der Verkehr.


Abschließend hält der Bus vor dem Rathaus, dem gegenüber ein vergoldete Kirchenkuppel glänzt.


Zwischen Rathaus und der Isaak-Kirche mit der vergoldeten Kuppel stellt sich das Pferd mit Nikolaus, dem Ersten, auf die Hinterhufe.


"Coca-Cola" hat dem Kiosk die Plane gesponsert. Das Fundament der Kathedrale steht auf 24.000 Pfählen von sechs Metern Länge, die in den morastigen Boden getrieben worden sind.


Die Besucher der Kuppel genießen die Aussicht.


Dieses Hotel wollte der irre Diktator A.H. zu seiner Siegesfeier in Leningrad nutzen. Auf dem Weg zur Gedenkstätte der furchtbaren Hungerjahre vom  8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 kommen wir am Reiterdenkmal von Peter dem Großen vorbei.



 Blockade von Leningrad


Während der Bus in die nördliche Vorortbezirke fährt, berichtet die Dame am Mikrofon vom Grauen der Hungerszeit in Leningrad. Die Menschen fast ohne Nahrung, ohne Heizung und Licht starben im ersten wie im zweiten Winter in großer Zahl. Wer auf der Straße entkräftet zusammenbrach, stand nicht mehr oft auf und starb. Wagen sammelten die Leichen ein und brachten sie in Massengräber. Das Größte war der Pskarever Friedhof mit 186 Massengräbern. Dort ruhen 420.000 Stadtbewohner und 70.000 Verteidiger. 


Die leicht erhöhten Gräberfelder sind nur mit Jahreszeichen gekennzeichnet. Wieder erhält jeder zwei rote Nelken, welche wir in stiller Traurer knieend vor der Säule ablegen.





Prof. Rainer Rothfuss zwischen den beiden Damen zeigt das Schild " We refuse to be enemies!"



Malteser Altenstiftung

Prof. Rainer Rothfuss, der Initiator der Friedensfahrt, hat danach einen Besuch bei der Malteser Altenstiftung organisiert, die von Deutschland aus seit 25 Jahren finanziell unterstützt wird. Die Stadtverwaltung trägt die Kosten für Miete, Strom und Heizung. Zwischen 200 und 600 Menschen versorgt die Küche mit einfachen Mahlzeiten, die etwa 87 Rubel pro Essen kosten, etwa 1,15 Euro.

Auch ehemalige Akademiker, der alte Herr sagt, dass er Professor gewesen sei, müssen mit Hungerrenten von etwa 100 Euro im Monat ihr Leben fristen. Ohne die tägliche Mahlzeit der Malteser könnten einige der Alten nicht überleben.


Nach einem solch ausgefüllten Tag ist die Kapazität meines Speichers erschöpft. So geht die Chance der Diskussion mit Prof. Starikov an mir vorbei. Dafür schmückt sich mein Reisekamerad mit der prominenten Bekanntschaft im Bild.



Auch Youtube synchronisiert mit deutschen Untertiteln mehrere Interviews mit Prof. Starikov wie dieses zum Geldsystem.






Schlusswort von Präsident Putin

Wladimir Putin hat eine deutliche Warnung an diejenigen gerichtet, die gedroht haben Russland und seine Bürger anzugreifen, vor allem ISIS und radikale Mohammedaner. Um dem vorzubeugen, hat Putin seine militärische Mission speziell darauf ausgerichtet Terrorgruppen in Al-Raqqa, Syrien, zu bekämpfen. Wegen dieser Bedrohung so nah an Russlands Südgrenze, hat der Präsident der Russischen Föderation 150.000 Reservisten aktiviert, heisst es bei MSMBC. "Die jüngsten tragischen Ereignisse in Frankreich zeigen, dass wir Anstrengungen bei der Prävention des Terrors machen sollten", sagte Putin. "Ich schwöre, wenn sie Russland bombardieren, in einer halben Stunde wird jeder Moslem sterben."



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verfasst von Hasso E-Mail, 13.08.2016, 22:02
(editiert von Hasso, 13.08.2016, 23:02)

Hallo n0by,
ich lese Deine Berichte immer sehr gerne... alles perfekt[[top]]
Herzlichen Dank für Deine Arbeit[[herz]]
Persönlich hätte ich nicht die Kraft und die Geduld für Deine tollen Reisen.
Umso mehr hast Du meine Bewunderung.

Das Putin-Zitat vom 10.8.2016 ganz am Schluss (abgespeichert)... so ein strammer Staatsführer wäre mein heimlicher Traum[[top]]
Ist das Zitat aber wirklich bewiesen und belegt?
Hört sich etwas abenteuerlich an... genau wie Deine Reisen.

Es passt in seiner Extremität nicht wirklich zu dem absolut ultra-coolen Putin.
Der nennt keine Ultimaten und legt sich nie minutengenau fest (schon gar nicht auf eine "halbe Stunde")... obwohl er es natürlich jederzeit könnte[[top]]
Putin weiß doch genau, wie lange es dauert, bis er "den Koffer scharf geschaltet" hat... unterwegs mindestens ein bis zwei Stunden[[sauer]]

Wenn dieses Zitat wirklich wahr ist (bezweifele ich etwas[[sauer]])... der Putin weiß genau, was er "zur Not" anbieten könnte.

Danke und gute Reise!
Hasso




4 comments:

zora said...

Thank you, n0by..
it was nice to travel with you, after long time, but this was nice journey. "we refuse to be enemies" is the most important message. I hope it is deep inside young generations on both side. (Zora)

Groovemeister Binglebrain said...

hey mein lieber mann! heut ist Sonntag und da ticken die hier anders. mal mehr private Sachen wie internet schauen. super geile Bilder und treffen mit den menschen. ganz sicher tolle Erlebnisse. strassenbahn wie in Ungarn aber alles andere anders. wenn du meinst Telefon geht wieder ,dann mich anrufen. ich glaub ich bekomm dich nicht. wir wollen dir noch ein foto schicken. alles liebe meinem kleinen lieben Walross.

Sassi said...

Hallo, ich folge der Friendesfahrt per Internet und habe eine Nachricht für einen der Friedensfahrer aus München, Herrn Michael Waldenmaier. Ich habe einen Kontakt für ihn in Moskau und habe ihm eine E-Mail geschrieben. Könnten Sie ihm dies bitte ausrichten, oder wenn möglich, mir eine Telefonnummer schicken, unter der ich ihn erreichen kann? Mein Name ist Saskia Bode und meine E-Mailadresse ist: snsaskiab@gmail.com
Vielen Dank und beste Grüße,
Saskia Bode

Fritz Schulze said...

Zufällig hier auf der Seite. Nein, mein Herr: St Petersburg wird außer von eingefleischten kommunistischen Betonköpfen keinesfalls mit seinem Interimsnamen bezeichnet sondern wird im Gegenteil und wurde auch während der Bolschewistenherrschaft immer liebevoll "Piter" genannt.
Und das Abfeiern auf Partisanen hättet Ihr Euch ebenfalls besser gespart sondern stattdessen lieber einen Blick in Suworovs "Eisbrecher" geworfen.
Ja - die Verständigung zwischen Deutschen und Russen ist richtig und wichtig - meine Holde ist übrigens Russin - aber dem Stalinismus huldigen - nee, mein Bester. Pfui Deibel!
Fritz Schulze