07 March 2013

Landein, Landaus

Mein schmerzenden Magen, eine quietschende, heißlaufende Hinterradbremse, Regen und Kälte machen mir schmerzhaft bewußt: Eine Reise - zudem im Winter - ist nicht immer vergnüglich.


Schon wieder ein Abschied, der von Torreira. Gestern nacht gab es am Campingplatz noch Strom, Wärme und Internet. Die Verbindung war so stabil, dass mir das eindrucksvolle Video der BBC über Italien, ebenso wie der letzte Tatort den regnerischen Tag und die kalte Nacht angenehm unterhielt. Adolf hat nur knapp ein, zwei Kilometer mit freiem Blick über die Lagune genächtigt, die schaukelnden Boote der Lagunenfischer betrachtet, die im Dunkeln mit Stirnlampen hantierten.
Meine sieben Sachen sind ja vergleichsweise schnell verstaut. So geht die Reise also weiter von der Küste Richtung Westen zurück ins Innland.



Schnell ein Foto an einer roten Ampel. Links geht es nach Porto, rechts nach Coimbra. Wir fahren mittig - Richtung Spanien. In der Scheibe sieht man den Riß, die sich durch mein Blickfeld zieht. Doch daran kann man sich  gewöhnen.
Die Berge hängen in Wolken. Adolf fragt sich, ob wir richtig fahren. Seine Karte von 2002 zeigt keine vierspurige Karte ins Innland Richtung Spanien. Doch die Strecke stimmt. Eine quietschende Hinterradbremse zwingt mich zum Halt. Die Scheibe hinten rechts ist heiß gelaufen. Wir fahren in Viseu von der Schnellstraße ab, fragen den ersten Autohändler, der uns den Weg zu VW weist. Wir finden 10 Kilometer weiter die Werkstatt, ein Verkaufshaus, welches gerade neu gebaut wird. An der Einrichtung wird noch gearbeitet. Ein Verkäufer kommt mit dick verbundener Hand. Durch den Verband sickert Blut. Später sehen wir, dass die Eingangstür zersplittert ist. Tausend Scherben verteilen sich über die Eingangstreppe, durch die wir soeben noch das Haus betreten haben.




Der Werkstattmeister nimmt den Auftrag an und stellt das Fahrzeug ab. Der Crafter dahinter ist ein Rettungsfahrzeug. Einige VW-Crafter sehen wir in Viseu als Krankenfahrzeuge und Feuerwehren.Zum Glück hat die Werkstatt alle Ersatzteile, die zur Reperatur der Hinterradbremsen nötig sind.


Diese große Glastür zum Eingang des neu eröffneten Autohauses in Viseu liegt wenig später in tausend Splittern über der Eingangsstufe. Das zersplitternde Glas hat die Hand eines Angestellten verletzt.



Scheiben und Bremsklötze der Hinterradbremse sowie Bremsbacken der Feststellbremse müssen erneuert werden.

Erstmals fällt uns an der Uhr im Autohaus auf, dass diese mit 11.37 Uhr eine Stunde vor der Zeit unserer Uhren läuft. Nach der Mittagspause steht der Crafter auf der Bühne. Am Abend holen wir um 18.00 Uhr das Fahrzeug ab. Die Reparatur kostet unter 581,49 Euro.


Während der VW-Mechaniker mein Auto repariert, zaubert die Sonne Licht auf die eindrucksvolle Kathedrale von Viseu.


Gegenüber der Kathedrale liegt das Museum Misericordia im barocken Baustil. Die Stiefmütterchen blühen in ihren Erdgefäßen. Immer und überall fahren deutsche Autos.


Der Innenhof der Kathedrale strahlt noch die Disziplin und den Eifer aus, mit dem die Erbauer und Kleriker ihr Geschäft über Jahrhunderte erhalten haben bis in die heutige Zeit.



Die monumentale Kachelbildern zeigen Herrschaft, Macht und Gewalt, die die Guten von den Bösen trennt. Hoffentlich. Die Bösen trotten gesenkten Hauptes und mit verbundenen Händen rechts im Bild auf ihrem schweren Schuld- und Schicksalweg.



Vor der gewaltigen Ausstrahlung der Gebäude und des Platzes zwischen Kathedrale und Misericordia verschwindet der Mensch in seiner zwergengleichen Geschäftigkeit und Vergänglichkeit.


Um's letzte Hemd kämpfen die Beiden längst nicht mehr. Es geht um's nackte Leben. Mit freudiger Erregung sticht der Held zur Rechten seinem Kontrahenten in die Gurgel. Dem steht das Entsetzen des kommenden Todes in die schmerzverzerrte Fratze gebrannt.



Ob die Dame zur Linken das Kind der gestürzten Mutter noch vor dem Mord des Wüterichs retten konnte, war der Comic-Serie der Kachelkunst nicht zu entnehmen.


Von dieser Darstellung an Mord und Totschlag fast schon betäubt, betrachtet der ergriffene Besucher die andere Seite der Medaille: Die nahezu unvergängliche Ewigkeit sakraler Ordnung und Baukunst.



Beim Abstieg vom Heiligen Hügel der kostbaren Kathedrale gedenken wir - wie nahezu immer und überall im alten Europa "Nos Mortos da Grande Guerra do Concelho de Viseu" und hoffen inniglich, dass dies Gedenken nachhaltig weiter wirkt und unsere Generation vor derartigem Gemetzel bewahrt.

Nach der Besichtung von Viseu ist das Auto repariert. Mit unserer korrigierten Uhrzeit einer vorgestellten Stunde suchen und finden wir vor Einfall der Nacht einen Schlafplatz. Es bietet sich die keine 10 Kilometer weiter gelegene Therme von Alcafache an, wo Hotels und Parkplätze die Kurgäste der schwefeligen Wasser aufnehmen sollten. Allerdings baggern Baumaschinen im Lehm, um den Parkplatz für den Ansturm der Gäste erstmal zu pflastern. Schweren Herzens und ohne Aussicht auf ein beruhigendes Bad verlassen wir das enge Thermental und fahren auf die andere Talseite. Wo früher die alte Straße ins Thermental führte, finden wir Platz und Halt. Links des Weges rostet der Grenzdraht eines Weinguts. Adolf rangiert gekonnt seinen grünen Sprinter rückwärts in den Fichtenwald. Trommelnder Regen endet meine Nachtruhe gegen halb Vier portugiesischer Zeit. Die rollende Plastiktonne muss Strom für meine Arbeit am Computer, Licht und für den Lüfter des Gasofens liefern.



Wir scheuen uns bei den schaurigen Schauern mit den bergan steigenden Wolken weiter landein in Richtung spanischer Grenze zu fahren. So sehen wir Guarda, die höchste Stadt in Portugal auf 1060 Meter Höhe nicht. Wir fahren wieder Richtung Südwest, in Richtung Meer, in Richtung Lissabon. Unser Ziel ist Coimbra. Dort verspricht der portugiesische, dreisprachige Campingführer einen Platz mit WiFi. Die letzte Wegstrecke führt uns an flussabwärts an der malerischen Landschaft des Mondegos auf der Straße 110 ins Ziel. Bevor wir uns schon am frühen Mittag nach 84 Kilometern Fahrt häuslich einrichten, tanken wir die Autos zum vergleichsweise günstigen Preis von 1,38 Euro/Liter. Die Fahrt bilanziert meine Excel-Tabelle mittlerweile mit 378 Litern Diesel für 3057 Kilometer. Die "Walkuh" verbrent dabei 12,38 Litern auf 100 Kilometer. Die Kosten für Diesel sind mit 537 Euro noch geringer als die Kosten für die Hinterrad-Bremsen mit bald 600 Euro.



Der Campingplatz in Coimbra bietet Kanufahrten von Penacova aus an. Viel Regen hat den Fluss anschwellen lassen. Die 15 Kilometer von  Penacova bis Coimbra würde man bei dem vielen Regen per Boot zügig schaffen. Bei bei dem Regen fähr nur niemand.
 
 
Der warme Regen hat eine Zeit lang nachgelassen. Die Sonne wirft Schatten auf das satte, saftige Grün, in das unsere schweren Autos bei dem Regen einsinken. In der Etage unten steht ein grauer Mercedes-LKW, welcher auf mindestens 7,5 Tonnen mehr Platz als eine Studentenbude bietet.  

 
Coimbra: Viel graues Wasser, viel grauer Himmel - 50 Kilometer vor der Atlantikküste, 200 Kilometer vor Lissabon    
 
Von der Bushaltestelle geht es nun zum Stadtgang in die Altstadt von Coimbra.  

Wie in den meisten Städten und Orten begrüßt uns an zentraler Stelle der Lokal- oder Landespolitiker. Genauere Recherchen zu dem Hohen Herren stehen noch aus. Jedenfalls hat sich eine Taube erlaubt, auf seinem Haupt zu sitzen.



  Über dem Gebäude mit dem dreieckigen Grundriss reisst der Himmel auf. Sofort beleben zahlreiche Menschen die Straßenszene.  

  Der Zugang zur Oberstadt war mit einem gewaltigen Turm über diesem Tor schwer gesichert. Heute wacht über den Zugang nicht einmal mehr der Händler im Souvenirstand.  

Statt seine Hosen als Altkleider zu sammeln, lassen Menschen in Coimbra daraus Blumen wachsen.


  Die Altstadt in Coimbra bleibt frei vom Autoverkehr, dafür haben die Architekten in alter Zeit gesorgt.  

Vor der trutzigen Klerikal-Kaserne allerdings ist jeder freie Platz mit Blechkarossen belegt.



Ob dies nun eine "Einbahnstrasse" oder eine "Keinbahn-Strasse" ist, muss jeder Fahrer selbst experimentell erkunden.



Die Hauswände zeigen: Das studentische Viertel, die Uni von Coimbra ist nah. Ob allerdings diese Graffiti-Artisten das Klassenziel erreichen, bleibt zu bezweifeln.



Denn das Erste, was diese jungen Damen anscheinend auf dem Pflaster des Campus zu lernen haben, ist kniefällige Demut vor den schwarzen Talaren des Gelehrten-Betriebes.



Wer jahrelang kaserniert in diesen Hörsälen, unter diesen monumentalen Gestalten Gehorsam und Gelehrsamkeit lernte, der darf dann über Leib und Leben der untertänigen Massen herrschen.



 Der Geist der Gelehrsamkeit wird vom Fieber der Frömmigkeit begleitet. Der Besuch der alten Kathedrale wie auch dieses Gebäudes kostet Eintritt.



Nach sturmgeschüttelter Regennacht zeigt sich in Coimbra für kurze Zeit wieder einmal die Sonne.


Obgleich neue Regenschauer drohen, lockt mich die zauberhafte Altstadt von Coimbra zu einem weiteren Besuch.


Oblgeich die Altstadt schon musealen Charakter verströmt, sind in dem gewaltigen Museumskomplex weitere Kunstwerke ausgestellt.



Man mag Stunden durch diese verwinkelte Altstadt wandern, die stets neu überrascht.


Die Hose lebt! Während in klerikalen Kulträumen tausendfach das Leiden, Folterungen von Martyrern oder blutrünstige Szenen auf blauen Kachelwänden zeigen, beleben die Menschen ihre alten Beinkleider mit Büschen und Blumen.


Ausnahmsweise ist einmal einer jungen Schönen, die ihre Schlappen unter sich abgestellt hat, ein Denkmal gewidmet. Sonst sieht man mehr gerüstete und bewaffnete Helden hoch zu Ross.


Letzte Eindrücke von Coimbra vor dem Abschied: Die Menschen der Stadt wie wir Reisenden warten sehnsüchtig auf Sonnenschein.


Abschließend krönt der ausgiebige Altstadtbesuch ein festliches Mahl im Gasthaus rechts neben der Kirche. Vorspeise mit Fisch, Reis und Suppe belasten die Reisekasse mit 13 Euro. Adolf  schwärmt von seinem wohlschmeckenden Viertel gebratenen Huhns im Einkaufszentrum für 1,91 Euro.


Wenn man dies Instrument in der alten Kirche sieht, möchte man es hören in all der hallenden Akustik der uralten Steine.



Neben all den Rätseln und Mysterien verfolgt mich ein Weiteres: Wieviele Kreuze stehen auf den Zinnen der Kirche Santa Cruz in Coimbra?


Vor unserer Zeit der Glasfensterfronten mit Edelstahl und Chrom verziert, war wohl das Zeitalter der Gußeisernen Kunst und Bauwerke.



Adiue Coimbra! Morgen geht es wieder Richtung Meer, Richtung Südwesten, Richtung Lissabon.

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