09 February 2012

Sourka - Dades Schlucht - Goulmima

Die Wüste strengt an - mich jedenfalls. Die einfachsten Verrichtungen wie Einkaufen, Tanken, Reifendruck kontrollieren erscheinen mir wie Schwerarbeit. Wenn der rollende Plastik-Palast dann aber wieder sicher im Campingplatz eines Oasen-Hafens steht, erholen und entspannen sich meine Sinne - langsam.



Fahr-Feierabend in Skoura nach 37 Kilometern: Gleich wird die Sonne den Heizstrahler abstellen. Dann fällt die Temperatur von 45 Grad in der Sonne bis minus vier Grad in der Nacht.

Für meine teutonische Konditionierung ist schon die Preisgestaltung im Einkaufsladen Dimitri von Ouarzazate unbegreiflich. Kostete eine Dose alkoholfreies Bier bei Marjane vor Marrakech noch acht DH, will Dimitri 20. Für keine 50 Gramm Schnellkaffee verlangt Dimitri 40. Der Händler im Kiosk 50 Meter weiter gibt zwei gleich große Gläser für 32 DH. Vernachlässigbare Kleinigkeiten. Tanken ist einfach. Luft prüfen schwer. Die Druckluft der Tankstelle schafft nicht mehr als 4,5 Bar, die nächste Tankstelle dann nur noch 4,00. Also muss der Bordkompressor den Reifen füllen. Nach diesen wenigen Verrichtungen reichen uns gerade 37 Kilometer, um unsere Sinne mit weiteren Wundern zu sättigen: Sourka mit der alten Kasbah und dem Kasbah-Musium Amridil.



Wenn denn schon mal die rollende Burg sicher steht für die nächste Nacht, erkunden wir die Wunderwelt mit staunenden Augen viel, viel entspannter.

Die meisten Gebäude in der Oase Sourka sind wohl aus Steinen und gestampften Lehmziegeln gebaut. Die ausgehärteten Lehmdecken des Hauses liegen auf Palmhölzern. Die Decke schwingt bei jedem Schritt. Kunstvolle Bewässerungsgräbe leiten das kostbare Nass auf die Felder. Irgendwo im Dorf liegt auch ein lehmhartes Fußballfeld. Das darf nirgendwo fehlen. Doch vor den profanen Dingen des Alltags bewundern wir die Schätze im Museum Amridil. Erstaunliche Exponate bereichern die Räume der Kasbah aus dem 17. Jahrhundert.



Diese Ziegenhaut diente einst als Wassersack. Jetzt dient sie als Blickfang im Museum Amridil.



Es ist angenehm kühl in den winklingen Gängen der Kasbah, deren Räume wir ohne Führer erforschen.



Der Schlüssel rechts schiebt die nach unten gefallen Holzbolzen hoch. Dann ist der Holzbalken entriegelt und zu öffnen.



Bei unserer ruhigen Wanderung durch die Oase treffen wir auf eine weitere Kasbah. Diese zerfällt im Laufe der Jahrhunderte wieder zu dem Lehm, aus dem sie geschaffen wurde.

Dusche und Wäsche waschen beschließen meinen beschaulichen Tag. Mit ausgehendem Tageslicht fällt das Thermometer innerhalb einer Stunde von 22 auf 10 Grad. Vor Sonnenaufgang ist mit minus vier Grad die kälteste Zeit in der Nacht. Ohne Gasheizung wäre das Auto dann nicht mehr komfortabel zu bewohnen. Doch ob die Menschen in ihren Lehmhäusern eine Feuerstätte haben, konnten wir nicht erforschen.
Eine Mondhelle Nacht löst den sonnenglühenden Wüstentag in der Oase von Sourka ab. Und umgekehrt: Die rotglühend aufgehende Sonne vertreibt die Kälte der Mondnacht. Minus vier Grad vor Sonnenaufgang, doch das ist die beste Zeit für schnelle Internetverbindungen. Klaus mit seinem Allrad-LKW meldet sich auch mal wieder in seinem Blog. Mein Kommentar folgt sogleich.



Bevor mir der Blog von Klaus (Hallo! Das ist ein Link!) meinen Kommentar gestattet, befiehlt er: Prove that you're not a robot!




Mit frischem Morgenschwung verlassen wir das stille Oasen-Camping in Skoura. Der Weg durch das Tal Dades führt an der Rosenstadt El Kelaa M'Gouna vorbei. Wieder mal gelingt es mir nicht, den Künsten des Verkäufers zu widerstehen. So kann sich meine Liebste daheim auf ein Fläschen Rosenwasser freuen. Dabei gab es den Ausblick sogar kostenlos.



Es gibt sogar etwas kostenlos: Den Ausblick von den Felsen ins wunderschöne Land mit den schneebedeckten Häuptern des Atlas.

In Boumain Dades, nach nur 69 Kilometern, hätten wir am Markttag bleiben und in Ruhe einkaufen können. Doch mittlerweile sind mir die Gebräuche des Landes schon ein wenig vertrauter. Also gelingen mir meine Einkäufe auch im Schnellverfahren. Das geht so: Beim Gemüsehändler steht eine Plastikschüssel. Die fülle ich mir mit fünf Clementinen, zwei Gurken, drei Paprika und drei Zwiebeln. Der Händler stellt die Schüssel auf die Waage, überschlägt das Gewicht, verrollt Obst und Gemüse in eine Plastiktüte, 10 DH wechseln den Besitzer - und gut ist. Denn wir haben uns für ein kleines neues Abenteuer entschieden: Die steile Passstraße auf 2000 Meter in der Schlucht von Dadees. Schon am Beginn der etwa 35 Kilometer langen Strecke fällt uns eine eindrucksvolle Kasbah auf.



Noch unter 1500 Metern Höhe blühen vor der Kasbah noch die Bäume.



Gebäude und Landschaften erscheinen mit zunehmender Höhe immer wilder, gewaltiger, beeindruckender.



Diese Serpentinen sehen erschreckender aus, als sie zu fahren sind - jedenfalls solange es wenig Gegenverkehr gibt.



Bald hat sich die im Wüstenstaub immer grau-grünlicher patinierte Walkuh auch auf 2000 Meter hochgekämpft. Während wir das Museum von Tinejdad besuchten, haben Kinder in den Schmutz der Heckklappe arabische Schriftzeichen geschrieben.



Die mächtigen Felswände der Dades-Schlucht scheinen meine rollende Heimstatt schier zu erdrücken.



Je tiefer wir uns in das Land einarbeiten, umso süchtiger ersehen wir abenteuerliche Fahrten wie diese durch die Dades-Schlucht auf 2000 Meter Höhe.



Wo der LKW eine Ladung Butangas-Flaschen liefert, da fahren wir mit unseren schmalen WoMos leicht.



Die Felsformation erinnert an Baumkuchen.



An diesem Abgrund war ein gemütlicher Platz für die Nacht, doch wir haben uns sieben Kilometer weiter für die Nacht in Msemrir entschieden.

In Msemrir fängt uns ein 46jähriger Berber ab, der uns warnt: "Hier geht es nicht weiter, hier beginnt die Piste." Also steigt er bei mir ein, um ins im Hof seines Hauses Unterkunft zu gewähren - Stromanschluss eingeschlossen. Wir bestaunen das Bergdorf Msemrir in 2000 Meter Höhe. Ein anderer freundlicher Berber erzählt uns, dass die Straße zum 300 Meter höher gelegenen Bergdorf Telmi 17 Kilometer weiter seit einem Jahr asphaltiert sei. Wir wandern bei untergehender Sonne durch das Tal der Äpfel. Die Bäume bekommen ihre Wasserzuteilung, als die Sonne untergeht. Zuerst bekommen die tiefer gelegenen, dann die Apfelplantagen darüber Wasser.



Von einem Berg über Msemir ist für uns dann die Welt und das Tageslicht am Ende. Also ist es an der Zeit, uns in unsere gut geheizten Stuben zurückzuziehen.

Der Berber Said, unser Gastgeber, erzählt uns beim Tee ein wenig aus seinem Leben. Mit 14 Jahren schon habe er sich vom Glauben seiner Väter losgesagt. Sein Vater habe ihn darauf aus dem Haus geworfen. Er hat sich mit Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen, den Führerschein gemacht, Lastwagen und Limousinen chauffiert. Er sei frei, frei, frei. Immer wiederholt er dies Wort Freiheit. Der Begriff scheint mir auch ein starker Gegensatz zum Gott ergebenen Inch'Allah. Said erzählt, dass er nie in die Moschee gehe, dass er niemals Ramadan-Fastenzeit einhalte. Er zeigt sich mit dem Finger an die Stirn, um seine Meinung zu den herrschenden religiösen Bräuchen und Sitten anzudeuten. "Crazy, crazy", betont er immer wieder, zuerst komme Gott, dann der Mann, dann die Frau. Das ist doch crazy. Meinen Einwurf, dass zwischen Gott und dem Mann noch der Iman und König komme, lässt er gelten.

Anderntags fährt Said bei mir mit nach Boumaine Dades. Zahl, was Du geben willst, ist mein Angebot für seine Mitfahrgelegenheit. Er will natürlich nichts geben. Auch egal. Dafür erzählt er noch viel von seinem Tal, in dem er geboren ist, seinem Bergdorf Msemrir: "Die Religion macht die Leute verrückt. Familien mit zehn und noch mehr Kindern sind keine Seltenheit. Der Rekord liegt bei 19 Kindern. Denn die Religion ist gegen Verhütung."

"Mit einer Frau?" Seine Antwort war ja klar: "Oui, oui - avec une femme." Je Frommer - umso mehr Kinder. Meine Meinung: "Das ist die Politik der Zahl. Je mehr Gläubige geboren werden, umso mehr steigt die Macht der Kirche und der Priester. Das ist - oder war - ähnlich im Katholizismus bei uns."

Meine Meinung: Wenn diese Kinder als Jugendliche mit erwachenden Kraft und Sexualität ihre Ansprüche ans Leben stellen, wird die Situation bei einer sehr hohen Fertilitätsrate explosiv. Lybien war vor 20 Jahren auch ein wunderbares Reiseland mit überaus freundlichen Einwohner. Bei einer Fertilitätsrate von sechs gegenüber 1.2 z. B. in Deutschland schaffen die herrschenden Eliten es nicht mehr, dass die Menschen friedlich leben. Ob die derzeitigen politisch Umwälzungen die Situation wirklich verbessern, bleibt zu hoffen.

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