04 February 2012

Weltkulturerbe Ait Benhaddou

Marrakech hat mich drei Nächte und zwei Tage in der Altstadt in seinen Bann geschlagen. Doch die Fahrt geht weiter Richtung Ouarzazate. Dazu müssen wir über den 2260 Meter hohen Pass Tizi-n-Tichka. Der freundliche Chef vom Campingplatz will morgens anrufen, ob die Straße befahrbar - also frei von Schnee ist.

Es wird Zeit aus Marrakech abzureisen. Dieser wunderbare Marktplatz betört schwache Menschen dazu, mehr einzukaufen, als sie brauchen. Die Touristen haben die Preise soweit in die Höhe getrieben, dass vergleichbare Waren vermutlich auf Straßenmärkten in Deutschland auch nicht teurer wären. Doch so schnell wie vergängliche Einkäufe daheim verstauben, so unvergänglich sind die Prachtbauten der Stadt. Das 77 Meter hohe Minarett der Koutoubia-Moschee ist schon 800 Jahre lang das Wahrzeichen von Marrakech.



Die Koutoubia-Moschee, das Wahrzeichen von Marrakesch, ragt mit seinen 77 Metern Höhe seit etwa 1180 in den Himmel.



Die Harmonie des uralten Gebäudes wirkt unbeschreiblich mächtig auch in heutiger Zeit. Soviel Struktur lässt die Sklaventreiberei beim Bau von Mauern und Moschee beinahe vergessen.



Es kostet nichts, den Schlangenbeschwörer zu bestaunen. Doch vor meinem Foto war es notwendig, um den Preis dafür zu feilschen: Fünf DH.



Vor Jahrzehnten hätte die glänzende Warenpracht die armseligen Stuben von uns Kiffern mit Glanz erfüllt. Heute reicht mir ein Bild davon.



Für all diese Mützen, Kappen und Hüte muss eine alte Frau lange stricken.



Zwei flotte Kutschen demonstrieren das Nebeneinander von Alter und Neuer Zeit, alter und neuer Technik und vielleicht auch alter und neuer Anschauung auf dem Jemaa el Fna, dem Marktplatz in Marrakech.



Der Wagen, ein 43 Jahre alter Daimler 608, kam mir von Murnau her bekannt vor. Ein Amerikaner fährt den Oldtimer mit Garmischer Kennzeichen, 3,8 Liter Hubraum, 59 PS. Er hat sich für 200 Euro in Marokko rundum seine Kiste schweißen lassen. Jetzt kann er beruhigt beim TÜV in Garmisch damit vorfahren.



Ware für den Weihnachtsmarkt 2012: Erst wollte der Händler für ein Stück 200 DH, zwei für 300 DH. Nach ewiger Feilscherei, wobei mir der Händler schon 50 Schritt nachgelaufen kam, einigten wir uns auf 10 Stück für 380 DH. Meine Frau daheim fürchtet, dass die Waren zu teuer gekauft sind, um sie gewinnbringend verkaufen zu können.

Das war also Marrakech für mich 2012. Wir freuen uns darauf, morgen wieder die Straße unter den Rädern zu fühlen. Ausgeruht, wohlgenährt, geduscht und voller Tatendrang zieht es uns weiter in den Süden. Die Nächte unterhält mich fabelhaft das kleine Netbook, welches mich mit Nachrichten wie von Al-Arabia, ARD, Deutschlandfunk versorgt. Auch im Blog lassen sich Rückmeldungen gut verfolgen. Die meisten Menschen greifen vom Forum der allrad-lkw-gemeinschaft auf meinen Blog zu. Meine treueste Leserin ist meine liebe Frau daheim. Wenn sie über Skype mit mir plaudert, ist das ein Höhepunkt des Tages für mich hier. Die Nacht in Marrakech war wieder nur fünf Grad kalt, da fehlt mir ihre frauliche Wärme und Nähe.



Der Blog zeigt in dieser Statistik, woher wieviele Menschen auf diese Texte und Bilder zugreifen. Eine daheim liest jede Geschichte mit: Meine liebe Frau Steffi, meine Mimamai.


Samstag früh kommen wir ohne Stau aus Marrakech heraus, finden allerdings keinen Markt mehr, um im europäischen Stil einzukaufen. Also fehlt einiges an Bord. Denn nach der Passfahrt über den Hohen Atlas, den 2260 Meter hohen Tizzi 'n Tichka, nähern wir uns der Wüste.



Die Passfahrt über den Tizi 'n Tichka bei strahlendem Sonnenschein war ein einzigartigen Genuss.

Vor der Bergfahrt gönnten wir uns in Taddert 2 meine vegetarische Tagine. Beim wiederholten Genuss muss man dann allerdings schon bemängeln, dass Zwiebeln und Oliven doch das Gericht bereichern könnten. Nur Kartoffeln mit einigen Möhren sind denn doch für bald 4,5 Euro etwas wenig. Der Straßenhändler blendete mich mit einer Steinkugel, die geöffnet leuchtend rote, violett schimmernde Kristalle zeigt. Johannes, der seine Reiseführer eingehend studiert, wusste, dass diese Pracht nur gefärbt ist. Also ließ ich vor den Augen des Händlers Wasser in den Stein laufen. Der alte Mann spielte höchst erstaunt, als aus der Halbkugel eine rote Farbbrühe lief. Auf meinen Protest hin gab er mir dann eine Steinkugel mit weißen Kristallen - garantiert echt. Meine alte Jacke, die wir schon in München in die Altkleidersammlung geben wollte, tauschte er dann noch gegen drei weitere Steinkugeln. Eine davon hatte er zuvor Johannes für 200 DH angeboten, der den Verlockungen der Marktschreier wunderbar widersteht. Weil aber an meiner alten Jacke ohnehin der Reißverschluss kaputt ist, war sie reif für den Tausch.



Auf der Passhöhe des Tichka in 2260 schmolz der Schnee in Sturm und Sonne. Angehalten, ausgestiegen, um zu fotografieren, bestürmte mich ein Verkäufer mit Steinkristallkugeln zu einem unverschämten Preis. Dem Drängen des wilden Gesellen in entkommend verfolgten mein Auto laut bellend vier wilde Köter.



Wo immer Platz zum Anhalten bleibt, stehen Verkäufer mit Waren. Diese gehen recht rabbiat um mit kaufunwilligen Touristen.



Selten hat mich ein Weltkulturerbe-Monument so beeindruckt wie Ait Benhaddou. Hollywood hat in dieser Berberfestung mit mehr als 1000jähriger Tradition 20 Filme mit Weltgeltung gedreht.



Wenn der Fluss mehr Wasser führte, trugen Esel die Menschen ans andere Ufer. Doch seit fünf Monaten nutzen Fußgänger eine moderne Brücke, ohne dass diese den Status des Weltkulturerbes gefährdet.

Mimamai daheim bastelt Steckenpferde für ihren Weihnachtsmarkt. Statt die Pferdeköpfe mit alten Strümpfen auszustopfen, will sie lieber Schafwolle. Heute sahe ich in Ait Benhaddou beim Teppichhändler eine Kiste Schafwolle. Er räumte die Wolle schön zusammen. Er geht die Treppe hoch, um Fatima nach dem Preis zu fragen. Der interessiert mich als Erstes. Er kommt wieder und klagt erstmal: "Jetzt ist wenig Wolle da. Es ist zu kalt, um Schafe zu scheren. Im März gibt es viel Wolle. Aber jetzt nur wenig." Er hat etwa soviel Wolle zusammen gekratzt, wie in einen Schuhkarton gehen. "Der Preis, den Preis" will ich wissen. "20 Euro", meint der junge Mann ganz unverdrossen. Mein Gesicht muss ihm gesagt haben, dass mein Verständnis für seine Preisvorstellung nicht reicht. Also wiederholt er: "20 Euro, 200 DH." Das vertreibt mich aus seinem Laden mit einem aufkommenden Gefühl von Ärger. "Sorry, excusez mois....", schwadroniert er noch fröhlich weiter. Doch mein Verschwinden war so flink, dass er mich nicht mehr zu weiteren Verhandlungen am Ärmel einfangen konnte.



Es fällt auf, dass Ait Benhaddou mehr als 1000 Jahre ohne Minarett auskommen konnte.



Die Türme rechts wurden renoviert, an den Türmen links nagt das gnadenlose Wüstenklima. Die Bauten sind aus Lehm und Stein, die Decken aus Holz, Strohmatten und wieder aus Stein und Lehm. Unter unseren Schritten wippen die Dächer, von denen wir weit in die grüne Oase und das karge Land blicken.



Das Loch in der Mauerecke verdeutlicht das Konstruktionsprinzip der Bauten. Seit einem Monat ist Regen überfällig hier, derzeit zerrt nur Sturm an den Wänden.



Aus den Schnee bedeckten Bergen des Hohen Atlas führte uns die Bergstraße in die Oase Ait Benhaddou.



Dresden verliert seinen Status als Weltkulturerbe wegen eines Brückenbaus. Die fünf Monate alte Brücke in Ait Benhaddou passt nicht wirklich zum mittelalterlichen Stadtbild.



Wer an der Stadtmauer schläft, zahlt ein Drittel des Preises auf dem Campingplatz. Der beherbergt dafür nur uns allein, bietet Dusche, Strom, Toilette und Schwimmbad. Allerdings fällt das Thermometer unter Null, womit im Pool ohne Wasser das Schwimmen ausfällt.

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