02 February 2012

Marrakesch

Wie wir als Touristen ein Land bereisen, erinnert mich an die Geschichte der "potemkinsche Dörfer". Wir fahren durch ein Land, um uns in malerischer Kulisse mit allen Annehmlichkeiten verwöhnen zu lassen. Doch was bemerken wir als Touristen davon, was, wer und wie es hinter den Kulissen braut und brodelt?

Nun sind wir schon zwei Wochen in Marokko. Unsere Herzen und Sinne füllen sich mit all erdenklichen Eindrücken, die in der Kürze der Zeit zu verarbeiten sind. Dazu liefert die Flatrate von 3-G Maroc Telecom Nachrichten, Bilder, bis hin zu Filmen, um uns eingehender mit Land und Leuten, Priestern und Politikern zu beschäftigen. Kein Weg führt vorbei am König "M6", dem absoluten Herrscher aller religiöser und weltlicher Belange. Eine

Video-Dokumentation bei YouTube

bringt mir hinter dem Staudamm im malerischen Tal von Ben-el-Quidane in sternklarer Mondnacht die aktuelle Situation im Land näher.



Der König von Marokko, Mohammed der VI. - kurz "M6" - besucht nach dem verheerenden Attentat in Casablanca am 16. Mai 2003 Opfer im Krankenhaus. Der Mordanschlag forderte 40 Opfer.

Nicht wenige Menschen, vielleicht sogar die Mehrheit in Marokko, verehren ihren Landesvater, der sich vom autoritären Regime seines Vater und dessen "Bleierner Jahre" willkürlicher Gewaltherrschaft bewußt absetzt. Doch ob Politik, Militär und Königliche Gendarmerie, welche ebenfalls eine militärische Organisation darstellt, das Land fortschrittlich gegen religiös-reaktionäre Einflüsse der Islamisten verteidigen, ist noch nicht entschieden. Schöne Bilder einer Heilen Welt helfen den verelendeten Massen in den Ghettos der Millionstädte wenig weiter. Denn dort herrscht die Macht der Mullahs in Moscheen und Koranschulen. Was diese Herren dort predigen, lässt sich vermutlich schwer kontrollieren und wohl oftmals noch schwerer mit den königlich herrschaftlichen Anstrengungen von Gleichberechtigung und Fortschritt vereinen.



Die Königliche Familie M6 mit Gattin Lalla Salma erfeut sich mittlerweile eines Stammhalters und einer Tochter.

Unsere studentischen Proteste ab 1967/68 wie gegen den Shah von Persien sind mir noch gut in Erinnerung. Bei meinen drei Besuchen des Iran zwischen 1976 bis 78 wurde mir das Regime des als "Operettenpotentaten" verspotteten Kaisers von Persien auch nicht sympathischer. Damals wäre mir aber auch nie in den Sinn gekommen, touristischer Nutznießer einer stabilisierenden Schutzpolizei sein zu können. Denn damals überführten wir Autos nach Teheran, wobei mir der kurz gefasste Reisebericht namens "Testament des Sklavenkarawansers" half, meine Erlebnisse zu ordnen und zu verarbeiten. Keine 35 Jahre später fallen mir immer noch putzmunter Geschichten ein. Mein Testatment begünstigt mittlerweile meine Frau daheim.

Das luxuriöse, freizügige Leben der Touristen passt einigen Fundamentalisten vermutlich mittlerweile ebenso wenig wie die Herrschaft des Königs. Doch ohne dessen Herrschaft mit starker Schutztruppe wären wir als Touristen sicherlich nur halb so sicher.



Wer aus unserem kalten, aber gut aufgeräumten München kommt, den schaudert beim Blick ins mittelalterliche Stadtbild wie in Fes mit der prekären Situation vieler Menschen.


Mein Marrakesch-Express:

Was mir über den Straßenverkehr einfällt, ist mit einem Augenzwinkern zu verstehen.

Heute 250 Kilometer auf Marokko-Straßen. Aus den Bergen von Ben-el-Quidane rauf und runter. Etwa 50 Kilometer kurven wir aus Höhen um 1200 Meter bis zur Ebene bei Beni Mellal hinab auf 500 Meter. Die kurvige Bergstraße lässt gerade mal Platz für zwei Autos nebeneinander. Dann beginnt eine gerade, schnellere Strecke von Beni Mellal bis nach Marrakesch. Sie ist kaum breiter. Zum Glück konnten wir beide unsere Gasflaschen füllen für gerade einmal 40 DH, keine vier Euro. Deutschland verlangt bald das Fünfache, die Schweiz noch mehr für die Gasfüllung. Johannes hatte noch etwa ein Kilo Propangas, das zischend abgelassen werden musste. Denn Propan- verträgt sich nicht zusammen mit Butan-Gas in einer Flasche. Das Gaswerk in Oulad MBarek bei Beni-Mellal füllt noch Gas-Flaschen, was nicht alle Gaswerke mehr machen oder mehr machen dürfen. Wer weiß das schon, welche Vorschriften und Gesetze gerade einzuhalten sind. Verkehrsvorschriften wie bei uns werden bestenfalls mit Halten vor roten Ampeln beherzigt.



Abfahrt auf kurvigen, schmalen Bergstraßen von den Ausläufern des Hohen Atlas in die Ebene bei Oulad M'Bareko.

Wir sind sehr froh, dass wieder eine Bordflasche gut gefüllt ist. Andernfalls hätten wir zusätzliche eine dritte Flasche in Marokko kaufen müssen. Meine erste Gasflasche hat beinahe 18 Tage lang mir in meinen schlaflosen Nächten eingeheizt.

Doch zurück auf die Straße: Als Fahrer musst Du dich eisern darauf konzentrieren, so weit auf Deiner rechten Seite zu fahren, wie es eben gerade noch geht. Den rechten Rand markiert meist ein Seitenstreifen. Aus diesem ragen etwa zwei, drei Zentimeter hohe Begrenzer in einem Abstand von etwa 10 bis 15 Metern. Wenn die rechten Räder darüber holpern, geht es keinen Zentimeter mehr weiter nach rechts. Denn darüber hinaus, hinter dem weißen Streifen, haut es Dich hart in den unbefestigten Straßenrand, in lehmige Schlaglöcher oder auf ein hartes Kiesbett, schön Schlagloch an Schlagloch gereiht. Dazu musst Du Dir die schmale Strecke mit Radfahrern, Reitern auf Eseln, dreiköpfigen Familien auf Mopeds oder und Pferdefuhrwerken teilen. Manche Radfahrer balancieren wie Schwertransporter noch meterbreite Waren auf ihrem Gepäckträger. An all diesen Hemm- und Hindernissen musst Du Dich unbeschadet vorbei mogeln, ohne dass Dir ein entgegen brausender zweieinhalb Meter breiter Schwerlastwagen Deinen Seitenspiegel abrasiert. Wenn Du Deine Geschwindigkeit bei diesem teuflischen Rennen auch nur etwas zurücknimmst, weil es Dir nervlich unerträglich wird, dann donnern auf freier Strecke gleich erbarmungslos 20 Tonner LKWs messerscharf an Dir vorbei. Vermutlich transportieren diese Helden der Landstraße Nitroglyzerin oder andere hochexplosive Stoffe. Da ist wohl ohnehin schon gleichgültig, ob sie bei 50 oder 90 km/h hochgehen.

Wir unterbrechen unsere Höllenfahrt zur Mittagspause in einem dieser Kaufhaus-Paradiese namens Marjane. Du gleitest in die gepflegt gekühlte Atmossphäre im Kaufhaus nach der staubigen, lauten, harten Landstraße wie in eine Kathedrale, eine Oase des Luxus. Der angeschlossene Getränkemarkt präsentiert Regale über Regale Bier- und Weinsorten eines gehobenen Angebots, dass weder die Holländer auf ihr Heineken noch die Deutschen auf ihr Becks-Bier verzichten müssen. Die Preise übertreffen dafür aber auch unsere daheim. Ein kleine Dose alkoholfreies Bier der marokkanischen Marke Crown kostet etwa 80 Cents, importiertes Bier schon mal das Doppelte.

Doch viel Muße zum gepflegten Bummeln lässt uns unser testosteron geladener Körper nach dem Straßenkampf um Strecke nicht. Mein Einkaufswagen füllt sich in vergleichbarer Geschwindigkeit wie zuvor die Räder meiner Walkuh gen Süden rollten. Auf dem Parkplatz mit ähnlicher Geschwindigkeit füllt sich dann mein Magen mit den gerade erstanden Köstlichkeiten, die zudem ohne alle Händel verpackt, gewogen, etikettiert, ausgezeichnet und abgerechnet wurden. So einfach einzukaufen, macht Freude.



Die Marjane-Kaufhäuser sind Oasen des Luxus, Kathedralen des Konsums, Ruhestätten in der Wüste des Straßenkampfes um jeden Meter, um jeden Bissen Brot, um jeden Dirham.

Irgendwann gegen 15.00 Uhr kommen wir - Inch'Allah - glücklich erschöpft in Marrakesch an, wobei uns das Navi zuerst auf eine gerade geteerte Straße solange in die Wildniss führt, bis es keinen Weg mehr weis. Auf dem gleichen Weg zurück beharrt die Maschine mit eintöniger Beständigkeit "Bitte umkehren", erbarmt sich dann aber wieder auf der Hauptstraße einer annehmbaren Weisung. Zur Strafe gleichsam verschiebt das Navi dafür den Zielpunkt, unseren Campingplatz, erstmal sechs, sieben Kilometer weiter in die Ferne. Auf mehreren Ein- oder Ausfallstraßen erreichen wir dann doch schlussendlich koordinatengenau das Ziel, Camping Firdaous. Bevor mein überspannter Körper mir jeden weiteren Dienst versagt, versorgt mich meine Bordküche mit irdischen Genüssen. Das beim Straßenhändler in Ben-el-Quidane in eine heiß ausgespülte Halbliter-Getränke Flasche gefüllte Olivenöl zum sündhaft teuer erscheinenden Preis von 20 DH scheint doch ganz delikat und verträglich. Jedenfalls erlauben mir meine Sinne nach einer schmackhaften Mahlzeit aus vegetarischer Sojawurst mit Paprika, Zwiebeln und einer Konservendose Champignons verrührt und einem weiteren Topf mit Glasnudeln, die begierig alles Kochwasser aufsaugen, bevor sie sich halbwegs beißen lassen, nach all diesen Köstlichkeiten und einem in halber Ohnmacht verbrachten erquickenden Kurzschlaf, da erlauben mir meine fünf Sinne nun wieder diesen Bericht dank der Verbindungsgüte von 3-G Telecom Maroc. Inch´Allah. Morgen dann also Marrakesch.



Beide Nachbarn auf dem Campingplatz Farisoud kommen aus Deutschland.


Markt, Menschen, Massen, Moscheen, Moneten

Zu unserem erster Ausflug nach Marrakesch bietet unser Fahrer eine Führung an. Statt der geforderten 300 bescheidet er sich mit 250 Dirham. Dafür bringt er uns ab 16.00 Uhr auch wieder aus der Altstadt zum etwa 10 Kilometer entfernten Campingplatz.

Als erstes Ziel genießen wir den Garten Marjorelle, eine schattige, ruhige Oase im Großstadtgewühl.



Den Eintritt in die ruhige Gartenoase bezahlt der Tourist mit vergleichbar europäischen Preisen.



Das palastprächtige Anwesen fand einen potenten Käufer: Yves Saint Laurent. An ihn erinnert auch das Monument.



Strahlende Blautöne kontrastieren mit dem Grün im Garten Marjorelle.



Alles lässt sich verwerten: Mit Geschick, Geduld und Geist lässt sich ein Fass zum Sessel umarbeiten.



Ohne unseren Führer und Fahrer hätten wir niemals gemerkt, dass diese Palme zum einen künstlich und zum anderen ein Sendemast ist.



Die Kamele sind froh, ihre Ruhe zu haben. Der Kamelführer ist froh, in Ruhe seine SMS zu lesen.



Bei einem Bummel durch die Gemächer des Bahia-Palastes kann man sich vorstellen, wie ein Sultan mit seinen Frauen, mit zahllosen Ratgebern, Dienern und Sklaven residiert hat.

Mit leicht erstauntem Schaudern hört man, wie ein Führer durch den Palastkomplex plaudert: "Die Frauen des Sultans betraten den Palast einmal zur Hochzeit, verließen ihn dann aber erst als Tote zum Begräbnis." Den meisten europäisch-demokratisch konditionierten Touristen finden vermutlich Vielweiberei wie Sklaverei fremdartig, obgleich nach wie vor die Reichen ihre Fäden in die Betten der Armen spinnen und sich prekäre Arbeitsverhältnisse auch in Europa frühkapitalistischer Sklavenhaltung wieder nähern.



Das Tor Bab Agnaou ist das Schönste von 32 Pforten in der rund 20 Kilometer langen Stadtmauer. Wenn genug Arbeiter für wenig Geld schaffen, lassen sich recht günstig dicke und hohe Mauern errichten. Störche siedeln heute auf den Pfosten.





Die Hauptmarktplatz Jemaa el Fna diente früher den Herrschern dazu, aufgespießte Schädel auszustellen. 2001 als Weltkulturerbe erhoben, forderte am 28. April 2011 ein Terroranschlag 14 Menschenleben.


Neben diesen ersten Eindrücken von Marrakesch testeten die Verkäufer im Basar meine Fähigkeiten zum Handel. Meine ausgetreten Latschen fanden Ersatz in den landesüblichen Schlappen. Nach einem ersten Preisangebot von 450 DH einigten wir uns bei 180. Das Jammern des Händlers, dass dieser Verkauf ihn ruiniere, belastet mich allerdings kaum. Bilder aus der Enge des Bazars sind kaum geeignet, die Stimmung dort einzufangen. Zudem fehlt in den überdachten, schattigen Gängen das Licht.

Meine touristische Unterhaltung mit Einkäufen, Essen, Eintrittsgelder beim Besuch der Sehenswürdigkeiten sowie Taxi- und Führergebühren kostete mich etwa 60 Euro. Zum Vergleich: Der Tankwart bei Beni Mellal zeigt auf seine verschlissenen Turnschuhe, seinen aufgerissenen Arbeitsanzug und klagte über seinen geringen Monatslohn von 1600 DH, also keine 150 Euro, wobei er mir nicht erzählte, wieviele Stunden oder Tage er dafür arbeiten muss. Mit treuherzigen Augen fragte der junge Mann: "Kann ich nicht bei Ihnen mitfahren und arbeiten?"

2 comments:

MONAS said...

Hallo nOby,

ich mag Reiseberichte ... und wenn ich dann sogar den Autor kenne, dann ganz besonders.

Eine kleine Anmerkung: Nicht nur Touristen bemerken nicht, was, wer, und wie es hinter den Kulissen brodelt. Meist wissen wir nicht einmal, was sich hinter den Fassaden unserer Nächsten abspielt.

LoL

n0by said...

Lieber Monas!

Herzlichen Dank für Deinen Kommentar und Deine Begleitung bei meinen Gedanken. Obgleich mein Schreiben, Reden, Tun ja immer nur mich betrifft, betreffen kann, scheint mir Maße meiner nur rudimentären Selbsterkenntnis der von Dir so richtig beschriebene Zustand noch viel schlimmer - für mich jedenfalls: Mir ist meist nicht mal so richtig klar, was sich hinter meiner eigene Fassade denn wirklich abspielt.