08 September 2019

Schweigen im Sonneberger Walde

Seit bald zehn Jahren und bald 200.000 Kilometer hat mich mein Wohnmobil kreuz und quer durch die weite Welt geschaukelt. Jetzt steht es seit mehr als einem Monat in dem wunderschönen Städtchen Sonneberg und dient mir als "Bauwagen". Das wundersame, alte, schöne Häuschen soll unser Altersruhesitz werden. Mit 71 Jahren ein gewagtes Unterfangen!





Noch ist das Haus ein Baustelle. Erstmalig im Leben gibt es für mich nichts Wichtigeres als harte Handwerksarbeit. Zwar eignen sich meine beiden linken Hände nur zu Hilfsarbeiten, wie Steckdosen auszubauen und Bauschutt in den Container schleppen. Doch selbst solche leichte Hilfsarbeiten ist mein Körper kaum gewohnt. Wer nichts selber machen kann, ist auf Experten mit ihrer Kunst angewiesen, aus einem recht ruinierten Altbaut wieder ein wohnliches Anwesen zu zaubern. Was soll dabei Politix? Sie hält auf und hindert sogar.


Bis in meinem Zimmer die VEB-Schrankwand wieder steht, Bücher, Noten und CDs wieder ihren Platz gefunden haben, werden Wochen, wenn nicht Monate vergehen. 



Bislang gibt es vorerst nur Träume: Im renovierten Haus im warmen Zimmer sitzen, umgeben von meinen Büchern, Musik, Noten, dem Klavier, der Steroanlage, dem Fernsehen. Bis dahin ist es noch ein langer, weiter, harter und teurer Weg.



Im August hat mir noch das Baxenteichbad über die Hitze geholfen, morgens, mittags und abends. Die Sonne hat meinen Wohnmobil-Bauwagen auf mehr als die schon unerträglichen 30 Grad Celsius aufgeheizt. Da muss der Körper lange auskühlen im Wasser, um wieder im Brutofen Auto sich abends wohl zu fühlen.



Das Leben in Thüringen ist ruhiger, langsamer und einfacher als im überdrehten München. In Münchener Freibädern musste Polizei mit mehreren Mannschaftswagen anrücken, um überhitzte Gemüter zu beruhigen. Dafür dass die Rotfront Stadtregierung übermütigen Flütilanten freien Eintritt in Münchener Freibädern geschenkt hat, bedanken sich Radaubrüder mit Randale. Das Baxenteichbad dagegen schenkte mir Frieden, Erholung, Abkühlung. Man bewundere den mit Kabelbindern kreisrund gebundenen Wasserschlauch. Der dient als Dusche. Kaltwasser sprudelt unentwegt ins große Becken. Es waren herrliche Stunden im Bad. Am Zaun wachsen Brombeerhecken, die mir Hände voll saftiger Beeren schenkten.



Es gibt hier Produkte, die mir bislang unbekannt waren Google Maps zeigt mir den Weg in diese Wunderwelt nach Striegistal, 200 Kilometer entfernt von Sonneberg, östlich von Chemnitz.


Die Nerven aufreibenden Sorgen um Haus und Handwerker ruhen am Sonntag aus. Eine muntere Blasmusik zieht durch den Ort. Es rührt mich. Das Mädchen sammelt auch meine kleine Spende in ihrem Kasten, den zu meinem Erstaunen viele Geldscheine füllen.


Mit den ersten Septembertagen kommt eine kühlere Welle über das Land. Morgens fällt die Temperatur in meinem Wohnmobil-Bauwagen. Die Gasheizung schafft wohlige Wärme . Die Blumen an der Pumpe strahlen mich an.



Auch in unserer früheren Heimat München gab es in Isarnähe einen Kleingartenverein. Dort bewirtschaftet ein Türke mit seiner Frau die kleine Gastwirtschaft Antalya. Wir haben manchmal dort gegessen und lauschige Sommerabende genossen.




Es macht mir immer und überall Freude, Städte, Häuser, Kirchen, Friedhöfe, Parkanlagen anzusehen. In unserer neuen Heimatstadt stehen Häuser leer. Der Trödelladen warnt Einbrecher mit drakonischen Strafen davor, nochmal sein Schaufenster einzuschlagen und zu klauen. Die zerbrochene Scheibe hat er notdürftig mit einem Brett zugeklebt.



Neben einem Fachwerkhaus steht ein renoviertes Gebäude mit großzügigem Wintergarten. Die tragenden Holzbalken mit den Bögen sind kunstvoll gearbeitet.


Das Diakoniewerk hat eine alte Villa am Stadtrand übernommen. Die Schilder verweisen auf soziale Aufgaben.



Der erste Septembersonntag schenkt mir Erholung von den Sorgen um die Baustelle. Mit dem Hopper-Ticket Thüringen geht es für 5,40 Euro mit meinem Fahrrad vom Bahnhof Sonneberg nach Neuhaus am Rennweg, 


Mit 5,40 Euro kommst Du in München von unserer Wohnung im Norden des Englischen Gartens mit dem Fahrrad gerade mal sieben Kilometer weiter bis zum Marienplatz. Hier bringt mich zum gleichen Preis der Dieseltriebwagen durch Wald, Wiesen und Tunnel bis nach Neuhaus am Rennweg. 



Auf der 24-Kilometer-Strecke überwindet der Dieselzug 500 Höhenmeter.



Von der Höhe schiebt mich die Schwerkraft im Sausewind zurück nach Sonneberg.



Dies wird nicht mein letzter Sonntagsausflug in die herrlichen Wälder und Berge dort bleiben. Hier fährt die Bahn gerade über das Viadukt, von dem man zum Waldcamping in Lauscha blickt.



Wenn über Neuhaus am Rennweg in der Höhe Wolken hängen, dann ist es selbst Mittags, am ersten Septembersonntag kühl und windig. Doch die schnelle Abfahrt durch das schnuckelige Bergdörfchen Lauscha bringt mich talwärts nach Steinach. Dort scheint die Sonne, wärmt mich auf, lässt mich ruhiger die Schätze des Städtchen bewundern.

An schreiende Neonreklame hat man sich übersatt gesehen. Diese Einlegearbeiten in der Schieferfassade sind eine andere Klasse.



Das Schiefermuseum in Steinach wartet auf meinen Besuch. Ein erster Rundgang um das Gebäude macht mich neugierig.




Bei meiner Einschulung 1954 schrieben wir Sechsjährigen noch auf Schiefertafeln die ersten, ungelenken Buchstaben.




Vor dem modernen Zelt artigem Vorhofdach des Schiefermuseums blickt man auf alte Häuser, die sich malerisch in den Hügellandschaft am Waldrand schmiegen.



Sonneberg nennt sich die Spielzeugstadt, eine Steinacher Spielzeugschachtel erinnert an einen spielerischen Einstieg in den Ernst des Lebens.





Der Ernst des staubigen, lauten, anstrengenden Lebens, des Geld- und Broterwerbs zeigen die Maschinen. Mich erinnert die Baustelle im Haus von Anfang daran, an das Ausräumen der Möbel, das Herausreißen der alten Kabel, das Verlegen neuer Heizungsrohre, das Verputzen der Wände mit einer Putzmaschine. Dafür braucht der Bauleiter eine 380 Volt-Leitung mit 32 Ampère - kein Ende in Sicht.




Je mehr mich die Sanierung unseres Häuschen beschäftigt, umso mehr erstaunen mich die Arbeiten unserer Vorfahren an solch mächtigen Gebäuden.


Im Sonntagssonnenschein strahlt dieses kunstvolle Gebäude in einer zauberhaften Komposition aus Ziegelsteinen und Fachwerkbalken. Es steht in Steinach.


Weiter rollt mich mein Fahrrad ins Tal. In Neuhaus am Rennweg hat mich das Gasthaus zum Hirschen gestärkt. Das Gasthaus zur Höll wirbt mit Thüringer Küche. 


Schon hinter Lauscha lichtet sich das Tal. Straße und Schiene bringen Menschen rauf und runter, im Steinacher Bächlein fließt Wasser ins Tal. Forellen stehen im Wasser.


Erst bei näherer Begutachtung erschließt scih mir der Sinn dieser Säule beim Bahnhof Blechhammer.



Es handelt sich um eine fünf Tonnen schwere Riesenhammerwelle aus dem Mittelalter.




Ein Bahnsteig der Thüringerer Bergbahn mit dem Bauwerk dahinter, welches mit Glanz und Größe der Alten Zeiten mit der Pickelhaube auf dem Türmchen bezaubert.


Tausende tote Fichten holen Waldarbeiter mit ihren Tonnen schweren Maschinen aus den Wäldern. Doch auch die Steine im Berg lassen sich verkaufen.





Zwischen nervlicher Hochspannung und erholsamen Ausflügen, Spaziergängen und Freistunden vergehen meine Tage in meinem Wohnmobil-Bauwagen vor unserem langsam wachsenden Heim.



Mein Wisch-, Wasch- und Naschbär telefoniert nach ihrer Arbeit lange mit mir. So stärken wir uns gegenseitig, während sie arbeitet, Kartons für den Umzug packt; beschäftigt mich die Baustelle.


Dazwischen gibt es ruhige Radrunden durch das geruhsame Städtchen. Vor dem Rathaus hält der Stadtbus, hinter mir liegt der Bahnhof mit der Touristeninfo. Die versorgt Besucher mit Stadtplänen, verweist auf Ausflugsziele in der reizvollen Umgebung.


Im Stadtpark sprudelt der Brunnen. Eine Videoanlage nimmt eventuelle Störenfriede ins Visier.


Alte Backsteinhäuser mit rostenden Gitterzäunen glänzen im Abendsonnenlicht.


Auf gemauertem Ziegelsteinuntergeschoß erhebt sich das Fachwerk bis unter das Dach.



Alte Häuser hatten selten einen Balkon, nur die reichsten Villen verfügten über solchen Luxus. Später bauten die Menschen dann Wintergärten an, wie hinter diesem mit Schiefer verkleideten Haus.




Hier hilft auch kein Denkmalschutz mehr, die Ruine zu retten.


An der evangelischen Kirche schließt sich der Friedhof, eine Kriegsgräbergedenkstätte und eine Kleingartenanlage an.


Die Totenruhe der gefallenen Soldaten stört hier nichts und niemand. Während links-rot-grün verhetzte Jugendliche in Städten schon mal Gedenktafel beschmieren, geht es in ländlichen Regionen gesitteter zu.


Irgendwann steht die Kirchentür einmal offen, um mich darin umzusehen.




Bevor der andächtige Besucher über den weiträumigen Friedhof spaziert, erinnert ihn das Abbild dieser barbusigen Grazien daran, dass sie das Leben von Generation zu Generation weiter tragen.




Bei meinem Spaziergang lässt sich schon mal ein stilles Plätzchen erkunden, wo nach dem Klang der Totenglocken dereinst die Erde meine Urne aufnimmt: Von der Erde gekommen, von der Erde genährt, zur Erde zurück gekehrt.



Noch zwitschern Vögel, noch scheint mir die Sonne,  noch geht es weiter, munter und heiter.


Der Weg ist lang noch und weit, Trepp auf, Trepp ab, vom Keller bis unter das Dach und zurück.




Erste Fortschritte sind schon zu sehen. Der neue Zählerkasten versorgt schon die ersten drei Lampen im Keller mit den ersten beiden neuen Steckdosen. Die Wände sind aufgeschlitzt, um statt brüchiger Alukabel Kupferleitungen zu legen. Die lauten Arbeiten hinterlassen Bauschutt. Mir bleibt als dienstbeflissene Hilfskraft die staubige Aufgabe, den Bauschutt zusammen zu kehren, in Eimer zu füllen, mit der Schubkarre in den Bauschutt-Container zu bringen, dort auszuschütten. Selten einmal gibt es einen anderen Termin, der mir etwas Luft verschafft im schönen Städtchen.


Ein einziger Buchladen in Sonneberg füllt sein Schaufenster mit Reparaturanleitugen für Schwalbe, Simson, Trabant, Multicar und den IFA-Lkw. Dazu stellt er Bücher aus mit Titeln wie "Dinge der DDR". 


Als Attraktion am ersten Samstag im September wirbt die LINKE im Stadtpark für die kommende Landtagswahl in Thüringen.


Da es mich zufällig dorthin verschlagen hat, reizt mich der Besuch der Veranstalltung. Es gibt Bleche voller Kuchen, Getränke und Bratwürste. Jedes Stück Kuchen kostet einen Euro.

 
Der Herr mit dem roten Windschutz am Mikrofon sieht aus wie Dr. Dietmar Bartsch,  Mitglied des Deutschen Bundestages und Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag. Doch mich zieht es zurück zur Baustelle, ohne mir weiter die Klagelieder über benachteiligte, östliche Bundesländer anzuhören. Wer Sonneberg mit den Problemzonen von Dortmund-Nord, Duisburg-Marxloh, Mannheim, der Münchener oder Frankfurter Bahnhofgegend vergleicht, lebt hier auf einer Insel der Seligen.


Mein Bruder in Dortmund renoviert derzeit eine alte BMW und bittet mich, ihn mit Politgeplänkel zu verschonen. Es ist verständlich, dass Menschen an der Entwicklung im linken Land verzweifeln, die sie selbst so gewählt und gewollt haben. Über Jahrzehnte hat einer schweigenden, entpolitisierten Mehrheit ihre Vogel-Strauss-Politik geholfen: Augen zu, Kopf in den Sand und warten auf bessere Zeiten. Je lauter phrasierte Durchhalteparolen gegen das Schweigen der Lämmer im Walde schallen, umso hohler die Texte. Selbst Pirincci, professioneller Großschriftsteller, kann kaum anstinken gegen die mediale Kloake. 


Die Menschen haben es satt, sich mit noch mehr Problemen zu belasten, als sie ohnehin schon haben. Wie Akif über den SPIEGEL-Autor Sascha Lobo ablästert, lässt mich jedes Wort, jeden Satz, jeden Absatz genießen. Wenn Akif mit seiner Suada eine fünfstellige Leserschar erreicht, ist das viel. Sascha Lobo bedient ein Zehnfaches davon. Und die Hunderfache Anzahl will einfach ihre Ruhe haben, will sich unterhalten, in ihren Späßen nicht stören lassen.

Die Unverschämtheit der Besserwessis donnert aus allen Kanonen gegen die oppositionellen AfD-Spatzen in Sachsen und Brandenburg:



Der nächste Baustein im VEB-Osten "Vorsicht es bröckelt" ist Thüringen. Wie sehr Fantasterei von Presse, Politik und Meinungsmache von der Wirklichkeit in diesem liebenswerten Bundesland Thüringen mit weitaus "normaleren" Menschen, als mir in Jahrzehnten in verschiedenen Bundesländern des Westens begegnet sind, abweicht, merkt man bei jedem Besuch in den neuen, helleren Ländern des Ostens.

Nach meinem Berufsleben in München bleibt Thüringen für mich die ruhige Rentneroase, in der bisher kaum ein Tag zu bereuen war. Wer immer es sich leisten kann, sollte vom Westen in den Osten wechseln. Es sind bessere, glücklichere, gesundere Menschen hier.


Selten, fast nie, dass ein verzweifelter, alter Mann sich offen und so ehrlich erklärt:


Noch mal meine Bitte, keine Liedertexte, Reden von Höcke und der Schweizerin mehr, keine Hinweise auf messernde Neger, ich bin satt davon und es macht mich krank
Behandele mich einfach wie einen Bekloppten, den man schonen muss.. ich bitte ich um unseres Kontaktes Willen das zu respektieren,


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Was bleibt denn da anderes, als zu "schweigen im Sonneberger Walde"?

Kommentare:

Gudrun Enigmayr hat gesagt…

Reschpeckt! Sie sind zwei Jährchen älter als ich und ziehen in ein Haus mit viel treppauf-treppab im Mittelgebirge...

Gudrun Enigmayr hat gesagt…

Werter n0by,
als ich jetzt von Ihnen im neuen Gesprächsfaden las:
[…] Unsere Ehe einen Tag zwei Tage vor meiner Verrentung gab mir noch zwei Tage Sonderurlaub und ihr den Anspruch auf Witwenrente. […] Da momentan das jahrzehntelange Quängeln (sic) meines geliebten Eheweibes meine 71 Jahre weichgekocht hat, kriegt sie endlich ihr Häuschen mit Garten und Garage, wir kriegen es. […]
da mußte ich spontan lachen, weil mir der böse Witz von der mehrfachen Witwe eingefallen ist, deren letzter Mann die Treppe hinuntergefallen war, weil er die Pilze nicht essen wollte…
Tut mir leid, ich büße auch sehr für meine schlechte Phantasie!