16 Februar 2014

Mond über Marrakech

Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe: Am Platz Le Calme, 15 Kilometer von Essaouira im Innern des Landes, heilt sich mein Körper mehr und mehr von Fieber, Erkältung und Husten. Ruhige Stadtgänge durch das sonnige Marrakech und die Pflege meiner Liebsten in den letzten Tagen vor ihrem Abflug beflügeln die Heilung weiterhin.


Die langen Spaziergänge in der Stille der Dorfstraße bei Le Calme tun uns gut. Die notwendigen Einkäufe erledigen wir 20 Kilometer weiter im Supermarkt von Essaouira. Die junge Deutsche, deren Mann das letzte Geld geklaut worden ist im Gedränge des Marktplatzes, hat uns auf einen Weinladen in Essaouir aufmerksam gemacht.


Wirklich, wir finden das gute sortierte Weingeschäft. Drei Flaschen marokkanischen Rotweins sollen mir meinen Geburtstags am Valentinstag sowie meinen Abschied von Mima erleichtern.


Langsam streifen wir durch die gut überschaubare Medina von Essaouira. Deren Anlage in rechtwinkligen Gassen erfordert keine große Künste, sich zu orientieren.



Was die Metall bearbeitenden Künstler anbieten, war in Form, Ausführung und Fertigung so auch schon von Künstlern in Deutschland zu sehen. Allerdings kann sich der Kunde in Marokko sehr viel preiswerter mit solchen Souvenirs eindecken. Das daneben angebotene Argan-Öl hat Mima preiswerter im großen Kaufhaus gekauft.


Derweil wir kreuz und quer durch Essaouira irren, um ein Reisebüro zu finden, erledigen die Menschen ihre täglichen Arbeiten und Einkäufe.


Zu den täglichen Arbeiten gehört auch, dass ein Parkwächter mit viel, viel Wasser, wie er betont, mein Auto wäscht. Der Parkplatz inmitten der Stadt gibt einen berauschenden Blick über den Strand und das Meer.


Mit der untergehenden Sonne kommen wir wieder von allen Stadteinkäufen heim zum Camp Le Calme. Der Flug Marrakesch-München am Montag morgen kostet etwa 140 Euro. Eine lange Zeit steht man vor verschlossenen Büros. Die Einheimischen trösten uns lächelnd, wenn ein Angestellter nicht korrekt zu den angegebenen Öffnungszeiten auftaucht: "Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit."  Mir liegt dann zwar auf der Zunge, zu erwidern: "Ihr habt die Arbeit, wir haben das Geld." Doch den Spott spart man sich besser.

Die Autowäsche war für acht Euro erledigt, drei Flaschen Wein kosten etwa 13 Euro. Dazu nehmen wir Souvenirs aus Thuja-Holz mit und 40 Liter Trinkwasser, zusätzlich sechs Liter Wasser mit Kohlensäure. Am Camp Le Calme fasziniert mich ein MAN mit dem Auszieh-Dach, der einer fahrenden "Doppelhaushälfte" gleicht.


 Gut ausgeruht kommen wir schon gegen 8.00 Uhr in der Früh auf die Bahn in Richtung Marrakech. Zu unserem Erstauen ist der größte Teil der Strecke vierspurig ausgebaut. So gelangen wir vergleichsweise schnell zum großen Gaswerk Afriquia (N 31 43.807 W08 05.668). Dort können wir unsere Gasflasche füllen lassen. Für die Füllung mit etwa 11 Kilo Propangas, also 26 Litern, zahlen wir 14 Euro, in Deutschland 20 Euro. Nach Gaskauf, Tanken und etwa 200 Kilometern sind wir froh, auf dem Camp Firdaous ein schattiges Plätzchen zu finden. Mima müht sich um mediterrane, leichte Küche, einem Salat aus Tomaten, Avocados, Oliven, Käse und geröstetem Brot. Nach geruhsamer Mittagsruhe steht dann am Abend noch ein erster Bummel durch Marrakech uns bevor, wozu wir die Taxi-Dienste des Campingplatzes nutzen. Der Gang durch das laute Gedränge der Medina Marrakech ist anstrengend genug. Da verzichtet man gern darauf, sein langes Wohnmobil durch die Rush-Hour zu kutschieren.


Marrakech




 Unser erster Abend zeigt uns die Koutoubia beim Licht der untergehenden Sonne. Es ist ein glückliches Gefühl, an dem schon nun etwas vertrauten Ort anzukommen und sich wieder auf's Neue bezaubern und von der Pracht verführen zu lassen.


Unzählige Menschen drängen sich durch enge Altstadtgassen. Unzählige Dollars, Dirhams, Euros, Rubel wechseln im Handel mit Immobilien, Dienstleistungen und Konsumgütern ihre Besitzer. Die Altstadt kommt mir vor wie ein Warenhaus für Touristen. Auch wir schleppen im Wohnmobil eine gut gefüllte alte Tasche mit dem, was wir als "Schätze des Orients" daheim weiter verschenken - bestenfalls am Weihnachtsmarkt verkaufen.



Wir trudeln zum Vollmond ein in Marrakech. Der Platz Djemaa el-Fna, an dem in früheren Zeiten die Köpfe der Gehenkten öffentlich aufgespießt worden sein sollen, brodelt von morgens bis abends über vor lärmender Geschäftigkeit.



Die Musikanten trommeln, singen, jubeln, jauchzen. Blasinstrumente, Guitarren, Mandolinen, alles was Töne macht, bearbeiten die Straßenkünstler. Ein alter Mann streicht seine Geige, deren Töne über einen rumpelnden, verzerrenden Verstärker dem Zuhörer ein paar Dirhams entlocken sollen. Doch der Alte stellt sein Quietschen selbst dann nicht ein, wenn man ihm Geld gibt. Vielleicht sind meine Ohren auch nicht genug geschult, die wahre Meisterschaft zu hören. Aber jeglicher Hochmut vor den armen Menschen, die sich mit allem Erdenklichen ihr Auskommen suchen, ist beschämend für den, der im Wohlstand lebt.


Wir speisen vorzüglich und preiswert. Angenehm überrascht uns das reiche Angebot an vegetarischen Speisen. Die vegetarische Tajine mit einem Strauß an köstlichem Gemüse mit all den Salaten, Oliven, Brot, Pommes Frites bietet mehr, als wir für etwa sieben Euro verspeisen können.


Doch auch wer Fleisch, wie hier vom Schafskopf, verzehren will, kann seinen Hunger stillen. Mir fällt eine Halle am Platz auf, in der die gehäuteten Tierkörper beim Metzger auf Kunden warten. Doch dort darf man nicht fotografieren.




Schuhe, Stoffe, Antiquitäten, Gewürze, Taschen, Lampen, Mandeln, Nüsse, Feigen, Trockenfrüchte - das Angebot an allem ist überreichlich. Manche Händler steigen von unten im Kriechgang inmitten ihres Angebots auf ihren Verkaufsplatz und harren der Kunden. Wer seinen Stand für eine Pause verlässt, überlässt die Aufsicht dem Nachbarn. Auf dem Weihnachtsmarkt ist dies auch nicht anders.


 Auf dem Camp Firdaous haben sich etwa 20 Abenteuer, meist aus Sachsen, eingetroffen. Sie sind die Strecke Dresden Marrakech in einer Woche gefahren. Nach zwei Ruhetagen brettern sie mit allen möglichen Altwagen über Mauretanien, den Senegal bis nach Gambia. Dort versteigern Händler ihre alten Autos. Die Fahrer fliegen nach dem vierwöchigen Abenteuer heim.
www.rallye-dresden-dakar-banjul.com



In der Medina-Marrakech begnügen sich die Burschen mit martialischen Kampfsport. Jedenfalls hinterlässt diese Wandwerbung diesen Eindruck.


Das Getümmel in den Gassen der Medina lässt sich schwer beschreiben. Zwei Männer auf einem Eselkarren treiben ihr Grauvieh an und schnalzen mit spitzen Rufen sich den Weg frei. Mopeds, wie immer ohne Nummernschild, drängen sich an Fußgängern vorbei. Irgendwo fließt eine undefinierbare Soße über das Pflaster. Gelegentlich, meist in der Nähe der zahlreichen Moscheen, gibt es Bedürfnisanstalten.



Über den Dächern des sonnendurchfluteten Häusermeeres findet man zahlreiche Restaurants, sauber und preiswert. Wir teilen uns einen marokkanischen Salat und eine vegetarische Tajine. Mehr schaffen wir ohnehin nicht. Frisch gepresste Säfte von Orangen, Äpfeln, Karotten oder Avokados löschen unseren Durst mit gesunden Vitaminen. Mein muffiges Gesicht beweist, dass mir die Sonne schon wieder arg zugesetzt hat.


Auf fast jedem Dach darf die Satelliten-Schüssel nicht fehlen. Im Hintergrund weist der Turm der Koutoubia uns eine Orientierung aus den überdachten Gängen der Souks, den Einkaufpassagen mit dem überaus reichhaltigen Warenangebot.


In den Töpfen, Tiegeln, Tassen findet man, was das Herz begehrt. So wird ein Aufguss von Zitronenwasser über Kauri-Muscheln ein, zwei Tage ziehen gelassen, um daraus Schönheitsmasken  zu gewinnen. Wozu die Krokodil-Häute sein sollen, erschließt sich mir nicht.





























Die Experten empfehlen, den zu erwartenden Nahrungsmangel der Millionen mit Proteinen und Eiweiß aus dem Verzehr von Käfern und Würmern zu beheben. Hier krabbeln die Schnecken im
großen Gefäß noch um- und übereinander. Später pulen die Feinschmecker mit Zahnstockern die gekochte Schnecke aus ihrem Gehäuse, um die Delikatesse zu verköstigen. Dass sich die jungen Burschen von ihren charmanten Begleiterinnen gerne dabei fotografieren lassen, wie sie mit kannibalischem Grinsen ein Schneckerl aus ihrem Gehäuse ziehen und schmatzend schlingen, versteht sich als männliche Mutprobe.


Wer sich beim Genuß der ungewohnten Kost den Magen verdirbt, kann in dieser Natur-Apotheke die besten Heilmittel  beziehen. Auf einen Beipackzettel zur Medizin muss der Kranke aber wohl ver- zichten.


Mopeds, Eselkarren, eilige Fußgänger und staunende Touris, alle winden und wühlen sich durch die Gassen der Medina, ohne dabei einander anzustoßen. Es herrscht trotz großem Gedränge an manchen Orten meist eine gefühlvolle Vorsicht, aneinder vorbei zu balancieren. Mit der Mentalität von Rechthaberei kommt man hier nicht weiter, sondern raubt sich nur seiner letzten Nerven.

 Mit seinem schweren Eisenhammer bearbeitet der Handwerker diese kunstvoll geschwungenen Wannen aus Kupferblech. Dass die Männer dabei keinen Gehörschutz tragen, wie  andere Eisen mit schweren Flex-Maschinen unter sprühendem Funkenflug schleifen, ohne dass die Männer ihre Augen  oder ihre Ohren schützen, erstaunt und erschrickt mich in meinen Vorstellungen von Arbeitsschutz-Maßnahmen.


In Portugal oder Spanien, in Ländern mit christlichen Kirchen, sind mir die Pausen in den ruhigen, stillen, schattigen, kühlen Orten der Andacht immer willkommen. Hier in Marokko allerdings sind Moscheen nur für den Besuch der Muslims geöffnet. Die Ausnahme machte die Moschee Hassan II in Casablanca, die mit 120 Dirham pro Besucher auch beachtliche Eintrittsgelder einspielen dürfte. Die Freitags-Ausgabe der marokkanischen "Staatszeitung" LE MATIN berichtet in jeder Freitagsausgabe, in welcher Moschee der König Mohammed VI, den Gott schützen möge, sein Freitagsgebet verrichtet hat. Der alte Prediger, bärtig auf schwerem Stock gestützt, erläutert die Ideologie des Glaubens: "Der Glanz und die Herrlichkeit des Himmels möge sich spiegeln im Glanz und der Herrlichkeit auf Erden hienieden. Wer in der Höhe von Macht und Herrlichkeit hat die Pflicht, seinen Reichtum mit weniger Begüterten zu teilen und auch für die zu sorgen, denen weniger Glanz und Herrlichkeit auf Erden vergönnt ist." Soviel in freier Übersetzung und Erinnerung einer Freitags-Ausgabe von LE MATIN, die dazu mindestens auf einer halben Seite das Bild dieser besinnlichen Einkehr zeigt. Der König sitzt auf einem eigenen Teppich, die Männer meist in weiß, nur militärische Würdenträger besuchen die Moschee in voll uniformierten Ornat.

 Unsere behagliche Behausung entbehrt zwar auch nicht eines gewissen Luxus. Doch das Leben auf der Straße, in den Camps, lässt sich nicht vergleichen mit einer Unterkunft in den palastartigen Hotelanlagen. Bevor mein geliebter Wisch-und-Wasch-Bär dann in Richtung München abhebt, macht sie sich noch nützlich. Im Camp Firdaous ist die erste Dachreinigung nach vier Jahren fällig. Ansonsten hat unsere "Walkuh" unsere vier gemeinsamen Jahre mit Monaten von Urlaubsfahrten über 100.000 Kilometer recht anständig und im Großen und Ganzen schadlos überstanden.


Es wird Regen geben. Der Wind bläst zugig in den oben offenen Doppeldeckerbus der Stadtrundfahrt. Die prächtigen Großstadtstraßen in der Neustadt zeigen uns, wo reiche Menschen wohnen und arbeiten, wo und wie. Zwischen ihren Welten und den geschäftigen Menschen in den Basars wird es kaum Verbindungen geben.


Seit Jahrhunderte umkränzt diese bis zu 10 Meter hohe Mauer das Stadtgebiet. Marrakech als Handelsmetropole zwischen dem Norden und Süden, zwischen Mittelmeer und Atlantik hat seine wirtschaftliche Strahlkraft nie verloren. Wer auch immer hier herrschte und handelte, der gewann Geld, Macht und Einfluß.


McDonalds darf natürlich nicht fehlen an dem Platz, wo sich die nach dem Westen orientierenende Kaufkundschaft rumtreibt.
 Marrakech - Hauptbahnhof, alles aussteigen. In sauberer Symmetrie und in reicher orientalischer Ornamentik, bekränzt von der Flagge des Königreichs, schmückt sich dieser Kopfbahnhof.


 Das "Theatre Royal" steht in der Nähe der Luxushotels, die sich wie Perlen an einer Schnur an der Prachtstraße Mohammed VI aufreihen.

 Eines dieser Luxushotels: Das Leben in diesen Gebäuden unterscheidet sich grundlegend vom Leben auf Campingplätzen - in welchen Autos auch immer.

 Wo VW-Tuaregs, Porsche Chayenne, Siebener-BMWs, Mercedes und Audi vorfahren, dort in den Teppich gedämpften Hotel-Hallen verirrt sich kein Camper, selbst wenn seine Brieftasche den Komfort zahlen könnte.


Gleich gegenüber dem Königspalast, dessen bewachten Eingang zu fotografieren schon strengstens verboten ist, gleich gegenüber drängt sich wieder Masse Mensch bei seinen alltäglichen, oft auch ärmlichen Geschäften. Doch da die Wurzeln des Königs sich bis in die Ahnenreihen des Propheten verfolgen lassen, sind auch ärmste Straßenhändler mit ihrem verdienten, harten Los unermüdlicher Sklavenarbeit vermutlich glücklich und zufrieden. Wo die Muezzin unter staatlicher-religiöser
Oberaufsicht stehen und aus der Staatskasse besoldet werden, da hält dieser über Jahrhunderte eingespielte Apparat die Menschen als zufriedene Untertanen. Die sozialen Errungenschaften, welche der König wieder und wieder durchsetzt und höchst werbewirksam in der medialen Landschaft vermarkten lässt, geben Marokko auch ein stabileres Staatsgefüge als die Maghreb-Staaten östlich und südlich des Königreichs. Bei den Stories von Mitreisenden über korrupte Polizisten, welche mir auch schon in Essaouira begegnet sind, scheint es unter der friedlichen Oberfläche doch durchaus sozial zu köcheln und zu brodeln.



Das Viel Volk vergnügt sich. Der Marktplatz in Sichtweite der Koutoubia bietet an, mit Geschick nach einer Flasche zu angeln. Doch keinem Angler gelingt es, den Gummiring um den Hals der Flasche zu balancieren, dass ihm die Ware gehört. Uns stärkt ein köstliches Abendessen. Mima kauft ihre letzten Erinnerungen ein, wie einen Schal und eine Holzschlange. Dann bringt uns das Taxi im Dunkeln der Nacht bei leichtem, nachlassenden Regen in unser trautes Heim.


Unser letztes gemeinsames Frühstück: Mima hat einen köstlichen Eierbraten mit Oliven, Paprika, Zwiebeln aufgetischt. Langsam wird mir das Herz schwer, dass sie morgen schon abfliegt.

Doch die Tage meiner Krankheit, die mich etwa zwei Wochen geplagt haben, haben die Reise noch mal erschwert. Mit viel Ruhe, Shopping, gutem Essen haben wir dann unsere Stabilität und unseren Frieden wieder gewonnen.


Zwischen Kochtopf, Herd und Sitzbank hat Mima fleißig Akkordeon geübt. Das Notensystem, die Tastatur - all das ist neu für sie. Doch sie ist schon ein gutes Stück weiter gekommen.


 Wir haben beim Kaufhaus Marjane sogar den Friseur wieder gefunden, der Mima vor zwei Jahren sorgfältig frisiert hat. Da dort aber der Betrieb erst um 17.00 Uhr beginnt, finden wir nicht weit von Marjane einen anderen Friseur. Daneben wirbt ein Boutique mit sexy Puppen für die passende Disko-Mode.


Ein ehrwürdig gealterter Rundhauber mit Historischem Kennzeichen aus Berlin. Es gibt sie noch, diese schönen Fahrzeuge, welche unverwüstlich auf allen Straßen dieser Welt noch unterwegs sind.

Damit endet am Flughafen von Marrakech diese Reisegeschichte unter dem Thema bislang "Mima-mit-mir". Ab morgen dann geht es ohne meine Frau weiter, die sich in München wieder auf ihr arbeitsreiches Frühjahr bis tief in den Sommer hinein vorbereitet. Dankbar für die Zeit mit meiner lieben Frau, die manchmal als "Nerv-Hase" aber auch sehr anstrengend war für mich - besonders wenn mir bei Fieber, Husten und Atembeschwerden der Überblick fehlte. Was wir dann ohne unsere Frauen sind, wird mir dann in den kommenden Wochen und Kilometer klar werden.






10 Februar 2014

Sonne in Souira, Erkältung in Essaouira

Ein sonntäglicher Reisetag, an dem schon nach 35 Kilometer wieder Ruhe ist. Der Strand von Souira reicht zu unserem Glück. Anderntags erreichen wir Essaouira in etwa einer Stunde. Gleich bei der Einfahrt zum Camp müssen wir einen Polizisten bestechen, anderntags muss mein Körper bei 39 Grad Fieber fünf Tage lang eine schwere Erkältung ausschwitzen.


Anfangs waren wir noch bester Stimmung: Bei voller Sonne führt uns das Navi vom Camp International in Safi in fünf Minuten zu Marjane. Dort gab es so gut wie alles - nur keinen Rotwein. Das ist bitter. Alles andere hatten wir ohnehin schon in kleinen Läden besorgt. Marjane lag gut erreichbar an der Straße nach Marrakesch, also in Richtung Osten. Doch wir wollen von Safi in Richtung Süden nach Essaouira. Es führt aber - außer vielleicht eine Piste - kein Weg von Marjane direkt in den Süden. Also irren wir zunächst eine Stunde herum, wie es vielen Fahrern geht. So tröstet uns zumindest ein gebildeter Herr, der uns nach langer Irrfahrt den Weg weist.

Es ist ein seltsames Gefühl, durch Vororte zu fahren, in denen kaum Autos verkehren. Kinder spielen auf den Straßen. Hunde und Katzen streunen über die Fahrbahn. Magere Pferde versuchen aus dem ausgedörrten Boden einen Happen Grün zu zupfen. Stromkabel hängen so niedrig über der Gasse, dass man befürchten muss, sie bei der Durchfahrt zu berühren. Irgendwann mündet die Straße in eine Piste. Blindlings brettern wir durch tiefe Pfützen, um nicht im Lehm stecken zu bleiben. Bahngleise, über die in den Vororten kein Weg nach Süden führt, zerschneiden die Landschaft.

Es führt kein Weg aus dem Wirrwarr. Wir müssen umkehren, zurück nach Safi. Dort finden wir endlich Wegweiser und Weg. Das alles machen wir mit marokkanisch-asiatischer Gelassenheit und Urlaubsruhe - äußerlich. Innerlich zehrt die Anspannung an den Nerven. Daher reichen uns nach der Irrfahrt durch Safi 35 weitere Kilometer bis zur nächsten Nachtstation in Souira am Meer. Wir nächtigen neben anderen Wohnmobilen. Abends kassiert der Parkwächter seine dreizig Dirhams, etwa drei Euro.


Man sieht unserer "Walkuh", dem VW-Crafter, den roten Straßenstaub Marokkos an. Das Rentnerpaar im 23 Jahre alten Peugeot rechts von uns transportiert neben zwei Gasflaschen auf dem Dach zehn leere Fünf-Liter-Plastikflaschen. Diese betankt der sparsame, oder auch nur arme Rentner vor der Heimfahrt mit preiswertem marokkanischen Diesel. Dann käme er mit Billig-Diesel durch ganz Spanien bis nach Frankreich. Am nächsten Morgen repariert er seine Aufbautür und klagt, dass er laufend irgendetwas an seinem alten Auto reparieren müsse. Hoffentlich ist der 30 Jahre alte Mercedes-Hymer, mit dem mein Bruder sich bald auf den Weg hier her machen will, stabiler.


In Souira mündet der Fluss Tensif ins Meer. Gerade drängt die Flut das mit rotem Lehm gefärbte Wasser des Flusses zurück.


Vor wenigen Jahren war Souira ein verschlafenes Fischernest. Jetzt entstehen kleinere Siedlungen, die jedoch fast alle leer stehen derzeit. Vermutlich fallen erst im Sommer Touristen in Massen ein. Viele Wohnmobil-Fahrer reisen im Alter in nur wenig besserem Stil, wie sie es als junge Rucksack-Touristen vor Jahrzehnten begannen, immer knapp bei Kasse. Diesen Tourismus drängt die Entwicklung zurück. Campingplätze müssen lukrativeren Anlagen weichen wie einem Yachthafen in Sale oder Beton-Siedlungen für die Sommer-Touristen in Mehdiya Plage. Auch in Essaouira bahnt sich diese Entwicklung an. Der Platz zum Camping reduziert sich durch aufwendige Beton-Chalets in Strandnähe. Hinter den Dünen dürfen im Winter die französischen Camp-Kolonnen hausieren. Strom und Sanitär weitgehend abgeschaltet.

Unsere nächste Stadt, Essaouira, zeigt am Strand auf großen Tafeln die Bade-Saison an: Von Mitte Juni bis Mitte September. Der Sandstrand in Souira wie auch Essaouira ist lang und breit. Nur an der Flussmündung in Souira ist Schwimmen verboten. Die Strömung sieht gefährlich aus.


Seit fast dreißig Jahren ruhte mein Schifferklavier ungenutzt im Schrank. Jetzt erklingt es wieder, was zu den Wellen in 30 Meter Entfernung vor uns gut passt.


Souira bietet vor allem Sonne, Wind, Sand, Landluft, Stille und den von Lehm gefärbten "Roten Fluß", der ins Meer mündet.


Wenigstens bleibt die Bebauung am Küstenort Souira bescheiden. Dort sind die Betonburgen zumindest nicht in diesen vielstöckigen metastasierenden Wahn ausgeufert wie an allzu vielen spanischen, italienischen oder auch französischen Küsten.


Obgleich in Souira an jedem Tag sicher 10 bis 20 Wohnmobile anlanden, viele, wie das arme französische Rentner-Paar dort auch zwei, drei Wochen hausieren, bleiben alle Sanitär-Anlagen geschlossen. Wer so lange steht, muss sich Strom besorgen. So ziehen sich lange Kabelstrecken über Stock, Sand und Stein zu obskuren Steckdosen. Dass diese Anlagen keinen deutschen Sicherheitsvorschriften genügen, versteht sich. Dafür begnügt sich der Verbraucher mit Spannungen bis hinunter zu 140 Volt - statt der bei uns üblichen 220 Volt. An solchen Kleinigkeiten darf sich kein Reisender stören.

In Souira neu gestärkt geht es am andern Tag wieder auf die Bahn für die nächsten 80 Kilometer bis Essaouira. Die Fahrbahn ist eng und holprig. Bei Gegenverkehr muss man bremsen, häufig auf den lehmigen Randstreifen ausweichen.

Beamtenbestechung


 Da mir im Kreisverkehr die etwas versteckte Abfahrt zum Campingplatz in Essaouira nicht sogleich aufgefallen ist, gelingt mir die 180 Grad Wendung erst ein paar Meter nach dem Kreisverkehr über diesen Zebrastreifen und die ununterbrochene Linie. Weit und breit war kein Fahrzeug - außer dem Polizeiwagen. Mein Manöver bringt den Beamten in Bewegung. Der Polizist schreitet heran, pfeift mich zum Halt, kommt an mein Fenster, und weist mich energisch auf meine Verkehrsübertretung hin. Er holt ein kleines Heft heraus, mit dem er mir beweist, dass das Überfahren der durchgezogenen Linie 700 Dirham, also etwa 70 Euro kostet. Zum einen kommt mir das sehr hoch vor, zum andern ist dieser hohe Betrag nicht in meiner Tasche. Denn auch die Bank im Marjane in Safi hatte am Sonntag geschlossen, Bankomat dazu. Also wedeln vor der Nase des Polizisten meine letzten beiden 200 Dirham-Scheine. Er nimmt sich grinsend einen davon, steckt den Schein ein, lässt mich fahren. Eine Quittung oder eine Bescheinigung gibt er mir nicht. Schon klar. Diese Art von Bestrafung macht meiner deutschen Konditionierung ein übles Gefühl. An solchen Kleinigkeiten darf sich der Tourist nicht stören.


Nach Mittagessen, Mittagsschlaf  und Kaffee im mittlerweile 27 Grad warmen Auto vergessen wir die unangenehme Begegnung mit dem bestochenen Beamten, gehen am Strand in die Stadt, um vom Bankomaten neues Spielgeld zu melken.


Vor zwei Jahren, als Mima am 1. März nach Marrakesch nach flog, um mit mir zwei Wochen durch das Land zu dieseln, haben wir auch Essaouira besucht. Sie hatte dort am Strand eine Reitstunde gemietet. Diese Erinnerungen sind frisch, auch wenn sich in der Stadt viel verändert hat. 10 Millionen Touristen reisen mittlerweile jährlich nach Marokko. 50 Prozent davon bleiben in Marrakesch, Agadir oder Casablanca. Doch auch Essaouira scheint einen guten Teil aufzunehmen, weswegen sich größere Infrastruktur-Maßnahmen rechnen. Riesige Bautafeln, hinter denen schon schwere Baumaschinen den Boden für die Fundamente aufbereiten, zeigen in Hochglanz-Color die schöne, neue Beton-Welt.


 Denn für Europäer beginnt in Essaouira die Badesaison schon heute - am 3. Februar. Hier wagt sich eine blonde Schöne in die Fluten, deren Badeanzug moslemische Halal-Gesetzen verletzt. Bislang stört das die mehr auf Devisen, denn auf Einhaltung frommer Regeln, bedachte Bevölkerung. Zu unserem Glück, zum Glück von uns Touristen.


Die Bespaßung der Touristen ist ein lukratives Geschäft. Wer will,  bucht einen Ritt auf einem Kamel oder einem Pferd. Wer lieber mit einem Quad über den Strand dröhnen will, mietet ein Quad, sofern er es nicht schon mitgenommen hat.


Wir, die wir uns mehr als alterndes Rentnerpaar fühlen, wollen nicht mehr, als Sonne, Ruhe, Meer und Stadt, Land und Leute genießen.


Wir schlürfen frisch gepressten Saft aus Orangen, Mandarinen und Grapefruits. Die Schalen, die den Früchten in einem Stück abgezogen sind, dekorieren den Stand. Der Nachbar bietet den Saft zum halben Preis, 50 Cent das Glas. Dort wollen wir am nächsten Tag unsere Vitamine trinken.  Doch anderntags mag Mima keinen Saft mehr. Denn sie hat bemerkt, dass die gebrauchten Gläser einfach nur in einem Eimer Wasser ausgeschwenkt werden. So ist eben Afrika. An solchen Kleinigkeiten darf sich der Reisende nicht stören. Gut, dass Mima nicht die Küchen der Restaurants inspiziert, aus denen wir uns verköstigen.


Ornamente, überall Ornamente und Muster. Diese Kunstwerke laden den Betrachter ein, sich in beschaulicher Ruhe zu versenken, sich selbst zu vergessen und eins zu werden mit All-und-Allem.


Die Stimmung bei Sonnenauf- und -untergang ist immer die Schönste. Das Sonnenlicht bringt dann ganz eigene Farben in die Welt, die starker Sonne verblassen.


Die Abendsonne zeichnet meterlange Schatten auf das Pflaster. Ein Truppe französischer Circus-Leute, die hinter der Düne in alten Lastwagen ihr Lager aufgeschlagen haben, unterhält Jung und Alt.


Wir wandern mit der untergehenden Sonne zurück in unser Camp Sidi Magdoul. Die sternklare Nacht kühlt den aufgeheizten Wagen in den nächsten Stunden langsam für die Nacht. Das Camp ist gepackt voll, wie auch weitere Fernfahrer aus Europa stadtnahe Parkplätze nahezu Tür an Tür in dichter Enge aufnehmen. Wer mit der ruhigen Abendstimmung mitschwingt, keinen Gedanken darauf verschwendet, was, wie und überhaupt etwas zu verbessern, zu verändern wäre, der lebt mit sich, Land und Leuten in Frieden. Soweit die Theorie. Zur Praxis die Marokkanische Staatszeitung "LE MATIN":

 LE MATIN Mardi 4 février 2014:

"Au Maroc, seuls quelque 35 % d'élèves qui ont atteint la 4e année ont acquis la norme minimale d'apprentissage en lecture."

"In Marokko erreichen nur 35 % der Schüler, die das vierte Schuljahr vollenden, eine minimale Lesefähigkeit"


Hoffentlich stehen die Palmen stramm zur Hauptsaison. Die Bäume, deren Palmwedel noch fest verschnürt sind, kommen frisch aus der Baumschule. Mit einem Rohrkreis zur Bewässung um jeden Stamm sollen die kurzen Wurzeln schnell in die harte Erde treiben, um eine Palmenlandschaft vor dem Sandstrand zu bieten.


LE MATIN Samedi-dimance 1er-2 février 2014

"Chez nous, une jeune fille de 13 ans, de par sa maturité, poeut tenir un Foyer. Alors qu'en France on commence à devenir adulte autour de 25 ans (après avoir réalisé que la PlayStation c'est juste un jeu...)."


"Bei uns kann ein junges Mädchen von 13 Jahren dank seiner Reife einen Haushalt führen. Während in Frankreich das Erwachsenalter mit 25 Jahren beginnt (nach der Erkenntnis, dass eine PlayStation gerade mal ein Spiel ist...)."

Zudem kann ihr Gatte die "gut-gereifte" 13jährige bis zum 25 Lebensjahr schon vier, fünf, sechs Mal befruchten. Das so mit Kindern gesegnete Kind produziert mit ihren Leibes Früchten weitere früh reifende Kopftuchmädchen zu Ehren Gottes, des Königs wie ihres Herrn und Gebieters. Auch wenn das kaum politisch korrekt klingt, karikieren schon Künstler im Land diese Praxis. Wie schon in meinem Marokko-Buch von 2012 soll mein Freund Wolfgang, ein erfahrener Kenner des Landes, hier sich wiederholen:

 "Marokko ist das, was man einen relativ liberalen islamischen Staat nennen kann, wobei Mohamed VI so was wie einen Seiltanz aufführen muss, damit ihm die "Barbues", die Bärtigen, keine Schwierigkeiten machen.... Er hat für die Frauen viel getan, sie können die Scheidung verlangen und das Mindestalter für die Heirat wurde auf 18 Jahre festgelegt....offiziell... Letzteres war ein Einstieg in die Abwehr von Frühehen, unter denen insbesondere Mädchen sehr zu leiden hatten und noch immer leiden. Diese Kinder können i.d.R. nicht selbst entscheiden, wen und wann sie heiraten....

 Insbesondere auf dem Land sind Frühehen immer noch aktuell und Kinder bekommen dort Kinder... Deswegen können halt Frauen in ihrem Leben auf 19 Kinder kommen, wie Du angesprochen hattest....für 2 Jahrzehnte immer schwanger. Der Mann gilt dann als besonders potent, die Familie gewinnt an Einfluss und die Frau ist "fertig"....

Im Islam, entgegen gegenteiliger Beteuerungen, ist die Frau ein generell entrechtetes Wesen und die alles beherrschende Männerwelt wird alles tun, das dies so bleibt....Aufklärung tut not...ist aber nicht abzusehen, weil der Fundamentalismus überall ins Kraut schießt...eben auch aus der Armut der Menschen heraus, die zumindest nach dem Tod "mal zu den Bevorzugten" gehören wollen.

 Zwielichtige Gestalten, Prediger, Politiker schlagen Kapital daraus. Dies alles ist eine Funktion aus dem Bevölkerungswachstum. Um noch einmal auf die "Reproduktionsanstrengungen" zurück zu kommen. Sie sind nicht nur im Islam anzutreffen, sondern in ganz Afrika...und auch Indien träumt davon: "Wir sind die Zahlreichsten"... Dass es bereits gravierende Versorgungsschwierigkeiten gibt, dass die Jugendarbeitslosigkeit in beängstigende Höhen geschossen ist, scheint vor allen Dingen die betroffenen Regionen NICHT zu stören....zumindest werden keine sichtbaren Maßnahmen ergriffen.

Ich halte deshalb alle Anstrengungen des Westens etc. für absolut kontraproduktiv, die sich mit der temporären "Abfütterung" von Hungernden beschäftigen, oder den Impf- und Kuscheltourismus, von ach so 'betroffenen' VIP's, die sich dann, wenn vor Ort ,ach so schnell solidarisieren, Impfaktionen finanzieren und Luftbrücken bauen.... Das Blöde daran ist, dass es nicht helfen wird. Solange diese Länder ihre Bürger nicht ernähren und beschäftigen können kann die erste Maßnahme nur "Stop dem Bevölkerungszuwachs" lauten, nichts anderes. Hilfen an diese Länder müssten von entsprechenden Maßnahmen abhängig gemacht werden. Dies auch im Hinblick auf die allgemeine Überbevölkerung der Erde, wobei der Mensch das größte Umweltproblem ist. Die "Ein-Kind-Politik" Chinas ist ein Pfad in die richtige Richtung, wobei ausgerechnet aus dem Westen Stimmen erschallen, dass China überaltert....Das Festhalten an dieser Politik zeigt mir zumindest, dass China hier verantwortungsbewusst handelt....im Gegensatz zu Indien, dass ich wegen der angesprochenen Denke, der überbordenden Korruption, Ehrenmorden, Kastenwesen, religiösen Auseinandersetzungen, mangelnder Infrastruktur etc., auf Niveau eines Drittweltstaates sehe...."


Viele Menschen, Frauen wie Männer, verschwenden kaum einen Gedanken an solche unangenehme, belastende Fragen, die das Schicksal von Millionen von Menschen bestimmen. Es lebt sich leichter für den Schein als für das Verständnis des Seins. Für das Ansehen beim Nachbarn, beim Partner, beim Wähler will jeder hübsch und sexy erscheinen. 
 Als Beispiel hier ein lieber Kollege, der mit seinem sonnigen Konterfei nicht nur bayrische Barbies bezaubern will.


Ob Schein oder Sein, gegen die Macht von Mutter Natur stemmt sich der Mensch wie dieses Sanitärgebäude hinter den Dünen von Essaouira vergebens. "Inch' Allah - der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen."


An strategisch wichtiger Stelle, wie den Hafenanlagen von Essaouira, haben die Portugiesen solidere Werke hinterlassen.


Das vom Regen reich gesegnete grüne Ackerland ernährt zudem  mit Viehzucht und Fischfang Millionen. Auf dem linken Kahn, den die Zimmerleute aus Holz fugen, haben wir sieben Arbeiter gezählt. Immerhin verfügen die Holzkähne über Radar.


Manche der silbrigen Fischkörper zucken noch mit letzter Sterbenskraft, bis sie ein hungriger Kunde als Beute kauft, heimschleppt, zubereitet und verzehrt. Ob mir beim Anblick dieser Todeskämpfe wie beim Blick in die Plastik schwappende Hafenbrühe noch weiter Fische schmecken, wird immer fraglicher.


Auch wenn zur Sicherheit zwei Außenbordmotoren an dem Holzkahn befestigt sind, damit auf den Atlantik zu schippern, muss man gewöhnt sein.


Vor Jahrhunderten mögen in den Burgverliesen auf der Insel Mogadour Menschen geschmachtet haben, die den Herrschenden ein Dorn im Auge waren. Heute finden dort nur mehr Möwen ihr sicheres Refugium.


Einen weiteren sonnigen Tag feiern wir am Abend bei einem opulenten Drei-Gänge-Menü in unserer Märchenwelt aus - und das Klischee muss sein - aus 1001 Nacht. Das belastet unsere Reisekasse mit 15 Euro. Allerdings gibt es keinen Rotwein. Bitter für mich, weil mich der Schlaf dann noch mehr flieht. Was wir bei der Heimfahrt aus der Stadt vollkommen unterschätzt hatten: Die zuvor von Sonne aufgeheizte Stadt gab unter sternenklarem Himmel und rauem Seewind ihre Sommerwärme schnell ab. Die neun Grad Lufttemperatur fühlten sich winterlich an wie fünf Grad. Die Radtour zum Camp heim hat mir mein Körper übel genommen.



Dabei wollen wir uns hier nach dem Motto "Rentners Rummelplatz Reisen" auf dem rund um das Jahr geöffneten Marktplatz Essaouira vergnügen. Sofern möglich, Krankheit und Krise dies nicht
verhindern, will mein Marktweiblein Mima für ihren Weihnachtsmarkt Bamberg 2014 noch ein wenig profitieren vom Handel mit den feinen Holzwaren.


Die Sonne gaukelt tags dem Körper ein tückisch warmes Klima vor. Bei 24 Grad und mehr glaubt man sich einen Sommertag versetzt. Doch das täuscht. Das Thermometer fällt nachts auf neun Grad nur. Dazu kommt ein scharfer Wind, gefühlte fünf Grad gerade noch. Ein böse, bellender Husten beginnt mich zu plagen. Der Körper kämpft bei 39 Grad Fieber schwitzend gegen die Infektion. Der Körper kämpft sich in einer Schlafstrecke von 48 Stunden Dauer durch die erste Krise. Der Rücken schmerzt vom Liegen. Einen weiteren 24-Stunden Tag muss der Körper schwitzen, schnaufen, schniefen. Dann beginnt das Fieber zu fallen. Der Morgen des fünften Tages zeigt normale Temperatur.

Allerdings schwabern von der Baustelle neben dem Campingplatz Teer- oder Dieselschwaden über den Platz. Dieser Gestank, den der starke Wind herüberweht. macht Mima Kopfweh. 2012 waren wir gesunder und glücklicher in Essaouira.


 Wetterwechsel, Baustelle, Teergestank, Leuchtturm - dahinter Camp Essaouira. Dort kämpft mein Körper vier Tage und Nächte mit 39 Grad Fieber, bellendem, harten Husten, steckt Mima mit an, die zudem vom Öl-, Diesel- und Teergestank der Baustelle Kopfweh bekommt.

  
Beim sonntäglichen Spaziergang zum nahen Strand treffen wir ein nettes junges Pärchen wieder. Die Frau wollte mit uns ein Buch tauschen, was wir leider noch nicht ausgelesen hatten. Nun wollten wir tauschen. Der Mann liegt mit Kopfweh im alten VW-LT. Als die Frau kommt, erzählt sie, dass ihrem Freund bei einem Souk-Bummel alles Geld, seine letzten 250 Euro geklaut worden seien. Sie müssen nun ohnehin in 10 Tagen das Land verlassen, weil ihr Drei-Monats-Visum dann abläuft. Nun sei ihr Freund total deprimiert. Zudem sei ihnen beim Souk-Bummel noch das Auto aufgebrochen worden. Also muss ein Schlüsselexperte das Zundschloß ausbauen, um einen neuen Schlüssel passend zu feilen. Das Buch hat sie schon anderweitig tauschen können. Bei soviel Pleiten, Pech und Pannen machen wir uns lieber aus dem Staub. Die Nacht hämmert ein Atlantik-Tief schwere Regenschauer über unser Dach.

Zumindest brachte das WiFi vom Camp Essaouira einen störungsfreien Live-Stream vom ARD-Tatort und Günter Jauch zum Thema Steuerbetrüger. Hier klauen kleine Gangster dem Touri, der sich nur ein wenig zu sicher fühlt, ein wenig unaufmerksam wird, die Reisekasse. Und daheim? Daheim ist Mima im Auto.





Nun sind wir drei Tage und einen Monat unterwegs. Die Tür zu Marokko hat sich einen kleinen Spalt für uns geöffnet - wie hier im Teemuseum von Essaouira. Ganz geschickt sind wir sicher nicht gewesen auf unserem gemeinsamen Weg. Meine Frau zeigt als Partnerin eine Größe und Geduld, die meine Schwäche stabilisiert und unsere Beziehung aus- und zusammenhält. Eins ist gewiß: Reisen ist ungewiß.




Die sieben Tage auf dem Camp Essaouira haben uns sehr angestrengt. Bevor Mima den Heimweg bucht, ruhen wir 15 Kilometer weiter auf dem Platz "Le Calme" aus (N 31 25' 57'' W 9° 39' 25''). Mima findet dort Komfort wie eine Waschmaschine.

Der Salon, von dem das Internet, kommt, macht einen geradezu feudalen Eindruck.

Ganz lieb denken und grüßen wir unsere Freunde Klaus und Gisi, die diesen Winter gezwungen sind, daheim zu bleiben. Aber ihr "Blaues Wunder", auch ein 911er, wartet schon auf neue Überlandfahrten.

Ein Fossil des 6x6-Automobilbaus stammt von Steyr Puch, nennt sich "Pinzgauer". Es sind dies seltenen Fundstücke, welche die K-und-K-Monarchie überdauert haben. 


Wir genießen Landfrieden und Landluft. Es sind gerade einmal 174 Kilometer bis Marrekkesch. Die Strecke geht gerade und gut. Mima freut sich wieder auf den gemütlichen Sitz im Flieger und die warme Stube daheim.